Glaube 14. April 2026, von Inês Schranz-Jardim

Hoffnung in der Zerrissenheit: Ein brasilianischer Blick

Befreiungstheologie

Es gebe nicht DIE Befreiungstheologie, schreibt die brasilianische Autorin. Und es sei eine Theologie, die atme und auch heute noch herausfordere, in Brasilien wie in der Schweiz.

Der Anstoss zu diesem Text kam, als ich in der April-Ausgabe 2026 von reformiert das Dossier zur Befreiungstheologie las, insbesondere den Beitrag des Theologen und Philosophen Josef Estermann. Seine Analyse aus andiner und lateinamerikanischer Perspektive hat in mir das starke Bedürfnis geweckt, eine brasilianische Stimme in diese Diskussion einzubringen. 

Denn vieles, was in der Schweiz über Befreiungstheologie gesagt wird, bleibt aus meiner Sicht unvollständig – nicht falsch, aber fragmentarisch.

Die brasilianische Realität, aus der diese Theologie hervorgegangen ist, unterscheidet sich in entscheidenden Punkten von den Erfahrungen der spanischsprachigen Länder Lateinamerikas. Und sie unterscheidet sich noch stärker von der Wahrnehmung in Europa.

Über die Autorin

Über die Autorin

Die in Brasilien aufgewachsene Inês Schranz-Jardim war in den 1970er- und 1980er-Jahren in den katholischen Basisgemeinden aktiv. Später studierte sie in Brasilien Betriebsökonomie und arbeitete danach bei der Banco do Brasil. So ist sie mit den sozialen und wirtschaftlichen Realitäten ihres Landes aus nächster Nähe vertraut. 

Nach ihrer Migration in die Schweiz studierte Schranz-Jardim Sozialarbeit war während mehreren Jahren als Sozialarbeiterin und psychosoziale Beraterin tätig. Heute, nach ihrer Pensionierung Ende 2024, studiert sie Theologie an der Universität Luzern. 

Meine biografische Spannung zwischen ökonomischer Analyse, sozialer Praxis und theologischer Reflexion prägt meinen Blick auf die Befreiungstheologie und darauf, wie sie in Brasilien gelebt, missverstanden, instrumentalisiert oder erneuert wird.

Eine offene Frage, eine Wunde, ein Spiegel

Seit vielen Jahren lebe ich in der Schweiz, einem Land, das Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und soziale Sicherheit fast selbstverständlich kennt. Gleichzeitig bleibe ich tief verbunden mit Brasilien, einem Land voller Schönheit, kultureller Vielfalt, Kreativität und Glaubenskraft, aber auch geprägt von Ungleichheit, Gewalt und politischer Fragilität. 

Wenn in der Schweiz über Befreiungstheologie gesprochen wird, dann meist als Kapitel der Kirchengeschichte: eine mutige Bewegung der 1970er Jahre, die sich für die Armen einsetzte und von Rom kritisch beäugt wurde. 

Doch aus brasilianischer Sicht ist Befreiungstheologie keine historische Episode. Sie ist eine offene Frage, eine Wunde, ein Versprechen und ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Kämpfe. 

Basisgemeinden: Wo Glaube und Demokratie lernten, miteinander zu sprechen

Zwischen 1975 und 1985 war ich aktive Jugendliche im CEB (Comunidade Eclesial de Base). Diese Basisgemeinden waren für uns nicht nur kirchliche Gruppen, sondern Lebensräume. Sie waren Orte, an denen wir lernten, die Bibel mit unseren eigenen Augen zu lesen, aus der Perspektive der Armen, der Frauen, der Jugendlichen, der Arbeiterinnen. Orte, an denen wir Demokratie übten, lange bevor Brasilien sie politisch zurückerhielt. 

Die Schweiz sieht oft die Theorien der Befreiungstheologie. Aber für uns war sie Praxis.

Die Schweiz sieht oft die Theorien der Befreiungstheologie. Aber für uns war sie Praxis: Alphabetisierung, gemeinsames Brot, politische Bildung, Solidarität, Schutz vor der Gewalt der Militärdiktatur. Diese Erfahrung prägt mich bis heute und sie prägt meine Sicht auf die kirchlichen Debatten, die in Europa oft abstrakt geführt werden.

Ein Aufschrei der Bevölkerung – und seine lange Nachwirkung

Doch die Wurzeln dieser Bewegung reichen noch weiter zurück. Ende der 1960er Jahre erhob sich in Brasilien ein Aufschrei aus dem Inneren einer leidenden Bevölkerung. Inmitten von Militärdiktatur, Armut und Unterdrückung entstand eine Theologie, die nicht aus akademischen Seminaren, sondern aus den Schreien der Armen geboren wurde. Sie war eine Antwort auf reale Gewalt, auf Hunger, auf politische Repression und sie gab den Menschen eine Sprache, um ihre Würde zurückzufordern.

Mehr als fünfzig Jahre später sind die Herausforderungen nicht verschwunden; im Gegenteil, sie haben sich verschärft. Die Armut nimmt wieder zu, die soziale Ungleichheit wächst, und grundlegende Menschenrechte werden systematisch missachtet. 

Brasilien erlebt heute eine dramatische Verschlechterung der Menschenrechtslage: Einschränkungen der Meinungsfreiheit, ein Justizsystem, das zunehmend unverhältnismässige Massnahmen ergreift, Journalistinnen und Politiker im Exil, Verfahren gegen politische Gegner ohne rechtsstaatliche Garantien, Menschenrechtsverteidiger in akuter Gefahr. 

Brasilien braucht eine erneuerte, glaubwürdige Befreiungstheologie. Eine, die wieder zuhört, wieder sieht und wieder den Mut hat, prophetisch zu sprechen.

Hinzu kommen strukturelle Verletzungen gegen spezifische Gruppen wie indigene Völker, schwarze Jugendliche und Frauen sowie eine anhaltende Konzentration von Reichtum, fehlende sanitäre Grundversorgung und die Marginalisierung ganzer Stadtteile. All dies geschieht unter einer Regierung, deren Partei einst im Schoss der Befreiungstheologie entstanden ist. 

Diese Ironie ist schmerzhaft: Die Bewegung, die einst für die Armen sprach, sieht sich heute mit einer Realität konfrontiert, in der viele ihrer ursprünglichen Ideale verraten oder vergessen wurden. Gerade deshalb braucht Brasilien eine erneuerte, glaubwürdige Befreiungstheologie. Eine, die wieder zuhört, wieder sieht und wieder den Mut hat, prophetisch zu sprechen.

Ökonomische Realität: Strukturen, die Armut produzieren

Meine privaten und beruflichen Erfahrungen haben mir gezeigt, wie tief strukturelle Ungleichheit in Brasilien verankert ist. Drei Faktoren prägen diese Realität – und werden in Europa häufig unterschätzt: die extreme Konzentration von Vermögen, die als Machtinstrument funktionalisierte politische Korruption und die allgegenwärtige Gewalt, die den Alltag der Armen bestimmt. 

Die Befreiungstheologie entstand nicht aus ideologischer Konstruktion, sondern aus dieser konkreten Lebenswirklichkeit. Sie war eine theologische Antwort auf Strukturen, die Menschen systematisch entrechteten und ihnen buchstäblich das Leben nahmen.

Rom 1984/1985: Kritik, die gehört werden muss – und Kritik, die übersieht

Die Reaktionen Roms in den 1980er Jahren müssen vor diesem Hintergrund gelesen werden. Das vatikanische Dokument «Instrução sobre alguns aspectos da Teologia da Libertação» (Anweisung zu einigen Aspekten der Befreiungstheologie) von 1984 anerkennt die Option für die Armen, warnt aber vor einer Reduktion des Evangeliums auf politische Kategorien. 

Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger kritisierte die unkritische Übernahme marxistischer Begriffe, die Gefahr einer Verwechslung von Reich Gottes und politischer Utopie und die Instrumentalisierung der Kirche für parteipolitische Ziele. Aus europäischer Sicht ist diese Warnung verständlich. Aus brasilianischer Sicht wirkt sie oft abstrakt, denn sie blendet die brutale Realität aus, in der diese Theologie entstand.

Fünf Jahrzehnte nach der Entstehung der Befreiungstheologie bleibt die Frage offen, ob Brasilien die angestrebte Befreiung der «Oprimidos», der Unterdrückten tatsächlich erreicht hat.

Kardinal Agnelo Rossi formulierte 1985 die Kritik differenzierter. Er sah die Wahrheit der Befreiungstheologie, ihre Fähigkeit, reale Ungerechtigkeit zu benennen. Er sah ihre Fehler, die unreflektierte Übernahme marxistischer Kategorien. 

Und er sah ihre Gefahren, ideologische Polarisierung und Verlust der spirituellen Tiefe. Rossi machte deutlich, dass die Spannung nicht nur zwischen Rom und Lateinamerika verläuft, sondern innerhalb Brasiliens selbst.

Die vier marxistischen Thesen – und ihre brasilianische Transformation

Tatsächlich wurden in Brasilien marxistische Elemente nie als Wahrheiten übernommen, sondern als analytische Werkzeuge. 

Vier Thesen prägten die frühe Befreiungstheologie und wurden im Laufe der Zeit kritisch transformiert: 

  • Klassenkampf wurde als Prozess der Bewusstwerdung der Armen verstanden, die sich als historische Subjekte begreifen sollten; 
  • Revolution galt nicht als gewaltsamer Umsturz, sondern als innere und soziale Umkehr; 
  • die Kritik des Kapitalismus diente der Analyse struktureller Armut, nicht der Forderung nach einem staatssozialistischen Modell; 
  • und die Säkularisierung des Namens Gottes wurde zur Herausforderung, die Bibel im jeweiligen Zusammenhang zu lesen, ohne ihre spirituelle Tiefe zu verlieren.

Heute zeigt sich jedoch, wie ambivalent diese Nähe zu marxistischen Ausrichtungen war. Sie verengte gesellschaftliche Realität häufig auf ökonomische Konflikte und riskierte, die spirituelle Dimension des Glaubens zu übergehen. 

Instrument für Armutsreduktion wird kritisiert

Ein Beispiel dafür ist das Programm Bolsa Família, das als eines der bedeutendsten Instrumente zur Armutsreduktion in Brasilien gilt und heute rund 44 Prozent der Bevölkerung erreicht. Trotz seiner unbestreitbaren Erfolge wächst die Kritik: Brasilianische Analysen weisen darauf hin, dass die Ausgestaltung des Programms strukturelle Risiken birgt, die Autonomie und gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigen können.

Die Befreiungstheologie – insbesondere in ihrer brasilianischen Ausprägung – bietet zwar einen ethischen Rahmen, der die Option für die Armen als Verpflichtung formuliert und die Wiederherstellung von Würde und Autonomie betont. Doch fünf Jahrzehnte nach ihrer Entstehung bleibt die Frage offen, ob Brasilien die angestrebte Befreiung der «Oprimidos», der Unterdrückten tatsächlich erreicht hat. 

Die Analyse legt nahe, dass zwar bedeutende Fortschritte erzielt wurden, jedoch neue Formen struktureller Abhängigkeit entstanden sind, die die menschenrechtliche Autonomie weiterhin gefährden.

Obwohl in Europa oft von DER lateinamerikanischen Befreiungstheologie gesprochen wird, unterscheiden sich ihre Ausprägungen in Brasilien und in den andinen Ländern deutlich.

Obwohl in Europa oft von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie gesprochen wird, unterscheiden sich ihre Ausprägungen in Brasilien und in den andinen Ländern deutlich. Diese Unterschiede sind nicht nebensächlich, sondern prägen die theologischen Anliegen, die Sprache und die politischen Folgen. 

In Brasilien entstand die Befreiungstheologie vor allem im Kontext urbaner Armut, der Militärdiktatur und der Basisgemeinden, die zu Schulen der Demokratie wurden. Das Subjekt der Befreiung waren hier die Armen in den Städten und ländlichen Regionen, deren Hauptprobleme ökonomische Ungleichheit, Gewalt und politische Ausgrenzung waren. Die Spiritualität blieb stark christlich-biblisch und liturgisch geprägt, und die politische Wirkung zeigte sich in Gewerkschaften, Basisbewegungen und der Entstehung neuer Parteien.

Wurzeln im Urbanen oder im Indigenen

In den andinen Ländern hingegen entwickelte sich die Befreiungstheologie aus der Erfahrung indigener Völker, die seit der Kolonialzeit unter kultureller Unterdrückung, Landraub und extraktivistischen Wirtschaftsmodellen leiden. Hier wurde die Erde selbst «Pachamama» zum Subjekt der Befreiung, und die Spiritualität ist kosmologisch, synkretistisch und eng mit der Natur verbunden. 

Politisch führte dies zu indigenen Bewegungen und verfassungsgebenden Prozessen, die das «Buen Vivir» ins Zentrum stellten. Während die brasilianische Befreiungstheologie historisch-sozial und marxistisch-analytisch argumentiert, spricht die andine Theologie eine kosmologische, ökologische und postkoloniale Sprache.

Brasilien heute: Ein Land im religiösen und politischen Umbruch

Diese Unterschiede zeigen, wie vielfältig und kontextgebunden Befreiungstheologie ist und warum eine brasilianische Perspektive in der Schweizer Debatte unverzichtbar bleibt. Sie macht sichtbar, dass Befreiung nicht nur eine Frage der Klassenanalyse ist, sondern immer auch kulturelle, spirituelle und ökologische Dimensionen hat, die je nach Region unterschiedlich gewichtet werden.

Heute steht Brasilien erneut an einem Wendepunkt. Evangelikale Kirchen erreichen die Armen dort, wo die katholische Kirche sich zurückgezogen hat. Neue Formen der Armut entstehen durch Prekarisierung und Gewalt. Die politische Polarisierung hat die Kirche tief gespalten. Und gleichzeitig entstehen neue theologische Impulse, in indigenen Bewegungen, in Fraueninitiativen, in der Ökotheologie Amazoniens, die die Zerstörung des Waldes und die Bedrohung der indigenen Völker als spirituelle und soziale Krise zugleich versteht.

Für Brasilien bedeutet das eine doppelte Korrektur: Die Kirche darf weder zum Instrument politischer Macht werden noch sich in eine unpolitische Innerlichkeit zurückziehen.

In dieser Situation kann die Theologie Jürgen Moltmanns eine neue Orientierung bieten. Moltmann verbindet die Option für die Armen mit einer radikalen Hoffnung auf den kommenden Gott und versteht die Kirche als «Exodusgemeinde», die aus Unterdrückung in Freiheit aufbricht und die Zukunft Gottes inmitten der Geschichte vorwegnimmt. 

Seine Ekklesiologie ist zutiefst christologisch: Die Kirche lebt nicht aus Ideologien oder parteipolitischen Projekten, sondern aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus, der die Herrschaft des Todes bereits entmachtet hat und die Welt auf eine neue Schöpfung hin öffnet. 

Für Brasilien bedeutet das eine doppelte Korrektur: Die Kirche darf weder zum Instrument politischer Macht werden noch sich in eine unpolitische Innerlichkeit zurückziehen. Sie ist zugleich «Bruderschaft der Glaubenden» und «Bruderschaft der Geringsten» – eine Gemeinschaft, die das Evangelium verkündet und gleichzeitig dort steht, wo Christus sich verbirgt: in den Armen, den Indigenen, den Vertriebenen, den Opfern ökologischer und sozialer Gewalt. 

Eine neue Theologie als lebendige Bewegung

Moltmanns Betonung der neuen Schöpfung und der Umkehr des Herrschaftsdenkens eröffnet zudem eine theologische Sprache, die die ökologische Krise Amazoniens ernst nimmt. Seine Hoffnungstheologie könnte der brasilianischen Kirche helfen, ihre ursprüngliche Berufung neu zu entdecken: als lebendige Bewegung, die die Zukunft Gottes in einer zerrissenen Gesellschaft sichtbar macht und die Würde der Menschen wie der bedrohten Erde gleichermassen verteidigt.

Die Schweizer Debatte sieht oft nur zwei Bilder: die heroische Befreiungstheologie der 1970er Jahre oder die vatikanische Kritik der 1980er Jahre. Was fehlt, ist die brasilianische Komplexität: die Erfahrung der Diktatur, die Rolle der CEBs als Schulen der Demokratie, die Ambivalenz zwischen Hoffnung und politischer Instrumentalisierung, die heutige Konkurrenz durch evangelikale Kirchen, die Realität von Gewalt, Korruption und Ungleichheit, die spirituelle Kraft der Armen, die keine Ideologie ersetzen kann.

Keine Theologie, sondern eine Erfahrung

Für mich ist Befreiungstheologie keine Theorie, sondern eine Erfahrung: die Erfahrung, dass Gott im Schrei der Armen spricht, im Mut der Frauen, im Widerstand der Jugendlichen, im Brot, das geteilt wird. Sie ist eine Theologie, die atmet und die uns auch heute noch herausfordert, in Brasilien wie in der Schweiz. 

Vielleicht ist das der Himmel auf Erden, den wir suchen: nicht eine perfekte Gesellschaft, sondern eine Gemeinschaft, die die Würde jedes Menschen ernst nimmt.