Feierabendpilgern: Das wunderbare Ankommen bei sich selbst

Spiritualität

Seit rund zwei Jahren bietet das Pilgerzentrum Zürich das Format des Feierabendpilgerns an. «reformiert.» machte sich mit auf den Weg von Wollishofen nach Leimbach.

Der Begriff des Pilgerns ruft sofort romantische Bilder vor dem geistigen Auge hervor: Den Stock in der Hand, den Rucksack aufgeschnallt, geht es mit Blick in die wunderschöne Natur durch weite Landschaften. Und nach dem langen Marsch stärkt und erholt sich die Pilgerin oder der Pilger in einer rustikalen Unterkunft irgendwo auf dem Weg nach Santiago de Compostela. 

In Zürich gibt es seit zwei Jahren ein Angebot, das so gar nicht in diese Vorstellung passt. Und trotzdem vieles von dem beinhaltet und übermittelt, was Pilgern ausmacht. Jeden dritten Dienstag im Monat bietet das Pilgerzentrum der Citykirche Offener St. Jakob die Möglichkeit, sich beim «Feierabendpilgern» in der Gemeinschaft auf den Weg durch urbane Räume zu machen. «reformiert.» hat sich Mitte September einer Gruppe, die von Pfarrer Jürg Baumgartner geleitet wurde, angeschlossen.

Die Idee ist es, Pilgern auf ganz niederschwellige Art in den Alltag mit einzubauen.
Franziska Bark Hagen, Pilgerpfarrerin

Mit von der Partie beim Start- und Treffpunkt am Wollishofer Seeufer ist nebst Baumgartner und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch Franziska Bark Hagen. Sie ist seit 2024 Zürcher Pilgerpfarrerin und Initiatorin dieses speziellen Formats. Die Idee dahinter sei, «Pilgern in den Alltag mit einzubauen, und zwar auf ganz niederschwellige Art», erklärt Bark Hagen. 

In der Stille präsent sein

Für die Teilnahme braucht es weder eine Anmeldung, noch ist eine weite Anreise nötig, sofern man aus dem Raum Zürich kommt, natürlich. Das Besondere an allen Angeboten des Pilgerzentrums: Essenzieller Bestandteil der Touren ist das Schweigen. Während des Laufens soll es ums «Präsentsein im Stillen gehen», wie Bark Hagen es formuliert. Das Schweigen mache es leichter, bei sich selbst anzukommen.

An diesem warmen und sonnigen Spätsommertag im September finden sich für einmal nur wenige Pilgerfreudige ein. Rund ein halbes Dutzend schliesst sich der von Jürg Baumgartner erstellten Tour an. Es sind stets Pfarrpersonen der Kirchgemeinde Zürich, die abwechselnd die Leitung eines Pilgerabends übernehmen. Gewisse haben ihre fixe Peergroup, und so sind manche Touren besser besucht als andere. «Es laufen jeweils zwischen 5 und 25 Leute mit», sagt Bark Hagen. 

In der Pause wird gesungen

Für Baumgartner ist es das zweite Mal, dass er die Leitung übernimmt. «Mein Thema heute lautet ‹der Grenze entlang›», sagt er. Die Route beginnt am Seeufer und somit an der Grenze von Wasser und Land, danach geht es bei Kilchberg den Grenzsteig hinauf in Richtung Leimbach, entlang der Schwelle zwischen der Stadt und der eher ländlich geprägten Vorortsgemeinde. 

Der kleine Tross setzt sich in Bewegung. Oft geht es im Gänsemarsch hintereinander her. Die Schweige-regel wird eingehalten. Zuweilen entlockt die dadurch etwas eigentümlich anmutende Gruppe Passanten einen fragenden Blick oder ein kurzes Lächeln. Man fällt etwas auf im geschäftigen Feierabendtreiben der Grossstadt. Ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt: Dank Jürg Baumgartner entfällt bei den Pilgernden die Notwendigkeit, sich selbst orientieren zu müssen. In Verbindung mit dem Schweigen entsteht ein Zustand, in dem man sich wie in ein sicheres Netz fallen lassen kann.

In den Flow kommen

Beim Gespräch am Ende des Abends schildert Teilnehmer Ulrich Krieger aus Zürich Seebach dieses Erlebnis so: «Es ist eine sehr interessante Erfahrung, in einer grösseren Gruppe zusammen schweigend zu gehen.» Das Pilgern erzeuge ein Gemeinschaftsgefühl, obwohl alle den eigenen Gedanken nachhängen.  Es habe auch einen gewissen Charme, dass sich die Spazierenden nicht orientieren müssen. Das helfe dabei, «in einen Flow zu kommen».

Unterbrochen wird der Flow erst auf einem Platz neben einem Schrebergarten an der Grenze zwischen Zürich und Kilchberg. Pfarrer  Jürg Baumgartner stimmt das Kirchenlied «Vertraut den neuen Wegen» an. Nach der kurzen Gesangs- und Verpflegungspause geht es weiter, vorbei an einem Friedhof, Autobahnzufahrten, Tankstellen und weniger lauschigen Orten, wie sie an den urban ausfransenden Siedlungsrändern häufig zu finden sind. An den unorthodoxen Pilgerlandschaften vorbei landet die Gruppe doch noch im Grünen und an der Sihl. Hoch über Zürich in Mittelleimbach endet das Feierabendpilgern nach den angekündigten zweieinhalb Stunden. Baumgartner entlässt die Pilgerinnen und Pilger mit einem Zitat von Paul Celan, das dazu auffordert, jeden Tag aufmerksam im Leben zu stehen.

Momente des Übergangs

In den Gesichtern mischt sich Müdigkeit mit gelöster Zufriedenheit. Der erfahrene Pilger Baumgartner stellt bei sich selbst fest, wie er sich nach der verhältnismässig kurzen Strecke geerdeter, «down to earth» fühlt. Und Teilnehmerin Marianne Montoya empfindet ein «wunderbares Ankommen bei mir selbst».  Das Feierabendpilgern ermögliche ihr einen schönen Übergang vom Arbeiten zum Heimkommen.

Über Zürich fällt die Nacht herein. Die Worte, die Bark Hagen vor Beginn des Pilgerns an den Autor richtete – dass alles zum Weg eines Pilgernden werden kann und Pilgerpfade eben gerade keine Wanderpfade seien –, erhalten nun ihre Bedeutung: Pilgern und Atemholen vom Alltag funktioniert auch wunderbar in ungewohnter Grossstadtumgebung und im Feierabendkurzformat.

Bis zum Frühling macht das Feierabendpilgern nun Winterpause. Mehr Infos zum Angebot des Pilgerzentrums auf www.pilgerzentrum-zuerich.ch - so unter anderm auch zu Kursen der Pilgerbegleiterausbildung.