Eines Tages lief der Sohn aus dem Militärdienst davon und suchte bei seinen Eltern im Berner Oberland Unterschlupf. Er wirkte verwirrt. Es folgten: Krisenintervention, Diagnose Schizophrenie, Suizidgefahr, Therapie, Medikamente, Klinikaufenthalte, betreutes Wohnen sowie Phasen, in denen der Patient seine Freiheit in der Obdachlosigkeit suchte. Bei solchen Gelegenheiten drang er zuweilen in desolatem Zustand bei seinen Eltern in die Wohnung ein und musste von der Polizei im medizinischen Notfall «vorgeführt» werden, wo Fachpersonen über eine fürsorgerische Unterbringung zu befinden hatten.
«Unser Sohn litt, aber irgendwann kamen auch wir als Eltern an unsere Grenzen», sagt der Vater Peter K., der in Wirklichkeit anders heisst. «Wir waren überfordert, fühlten uns allein gelassen und mit den Kräften am Ende.»
Am runden Tisch
Was den familiären Leidensweg besonders schwer machte, war der Umstand, dass Kliniken, Behörden und Institutionen innerhalb eng gesteckter Grenzen agierten. Informationen wurden zurückgehalten, oft im Zuge der Schweigepflicht; manchmal erklärte sich eine bestimmte Instanz als nicht zuständig; dann wieder wurden schwer nachvollziehbare Entscheide getroffen oder Massnahmen in die Wege geleitet, die nicht zielführend waren.
Auf dringendes Nachsuchen des mittlerweile verzweifelten Vaters setzten sich schliesslich der Kinder- und Erwachsenenschutz, der amtliche Beistand, die Eltern und die Polizei an einen Tisch, um die Situation gemeinsam zu besprechen. «Das beruhigte die Situation ungemein», berichtet Peter K. Denn nun wussten die involvierten Akteure voneinander, ein kleines, aber hilfreiches Netzwerk war entstanden.
Familie K. ist mit ihrer Geschichte nicht allein. Ungezählte Menschen in allen möglichen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen haben einen Angehörigen mit einer psychischen Erkrankung, den sie begleiten, betreuen oder gar pflegen. Mehr als zwei Millionen sind es laut einer Studie. Nicht alle erleben so Beschwerliches wie Peter K. und seine Frau. Viele kommen trotzdem an ihre Grenzen, etwa die Seniorin mit ihrer dementen Schwester, Eltern mit einer schwer autistischen Tochter, eine Bäuerin mit einem chronisch suizidgefährdeten Ehemann und andere mehr.
Eine hohe Schwelle
All diese Situationen sind umso herausfordernder, als sie oft zusätzlich zum strengen Berufsleben oder einer anspruchsvollen Ausbildung zu meistern sind – und im näheren Umfeld kaum zur Kenntnis genommen werden.
Helena Durtschi als Fachverantwortliche Psychische Gesundheit bei den Reformierten Landeskichen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) erklärt: «Bei einer Person im Rollstuhl ist die Behinderung offensichtlich und die Nachbarschaft auch eher bereit zur Hilfe – während bei psychischen Erkrankungen die Schwelle höher liegt.» Oftmals wisse das Umfeld nicht, wie mit dem Thema umzugehen sei.
