Es ist ein bitterkalter Januarabend. Vor einem hell erleuchteten Haus im Friesenbergquartier knirscht der Frost unter den Schuhen. Drinnen ist es wohlig warm. Kerzen brennen, den grossen Holztisch schmücken noch Tannenzweige.
Doch ein gewöhnliches Zuhause ist das Haus nicht. Es ist die Notschlafstelle Nemo des Sozialwerks Pfarrer Sieber – ein Ort für Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen werden.
Halb erfroren im Wald
«Auch in der reichen Schweiz gibt es Jugendliche, die obdachlos sind», sagt Betriebsleiterin Darja Baranova. Lange sei darüber jedoch kaum gesprochen worden. Viele Betroffene schlafen nicht auf der Strasse, sondern wechseln zwischen Sofas bei Freundinnen und Bekannten. «Offiziell existieren sie kaum, bis sie hier dann vor der Tür stehen.»
Manche stammen aus Familien, die nach aussen stabil wirken. Andere aus zerrütteten Verhältnissen, mit belastenden Lebensläufen, psychischen Problemen und frühem Kontakt zu Alkohol oder anderen Suchtmitteln. Vielen sieht man ihre Situation nicht an. Sie gehen zur Schule oder in die Lehre, tragen Bücher unter dem Arm. Im Extremfall übernachten sie in Treppenhäusern oder Tramendstationen.
Die Geschichten, die Darja Bara-nova erzählt, gehen unter die Haut: von Geschwistern, die halb erfroren in einer Waldhütte von der Kältepatrouille Sip Züri aufgegriffen wurden; oder von Mädchen, die sich prostituieren, weil sie sonst keinen Schlafplatz finden. «In der Theorie gibt es Abläufe», sagt die Sozialarbeiterin. «In der Praxis eskaliert es.» Und dann stelle sich am Abend nur noch eine Frage: «Wo schläft dieses Kind?» Erst danach beginnen die Prozesse, gemeinsam mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) und anderen Stellen.
Um 9 Uhr morgens schliesst die Notunterkunft. Und genau hier sieht Baranova eine strukturelle Lücke. Tagsüber seien viele Jugendliche auf sich gestellt. Darum entsteht nun im ehemaligen Gassencafé Sunestube der Stiftung von Pfarrer Sieber an der Militärstrasse eine offene Tagesstruktur. Damit kommt neu ein Ort hinzu, an dem Jugendliche ankommen, essen, sich aufhalten können. Die Eröffnung ist auf Mitte März geplant.
In der Anfangszeit von Nemo im Jahr 2007 habe man kaum Gehör gefunden, sagt Baranova, heute gebe es eine enge Zusammenarbeit mit Stadt und Kanton – seit 2022 auch über formalisierte Leistungsvereinbarungen und Rahmenverträge, die Notunterkünfte und Anschlusslösungen verbindlich absichern.
In keiner Statistik
Friederike Rass, Gesamtleiterin des Sozialwerks Pfarrer Sieber, liegt die Notunterkunft besonders am Herzen: «Das Nemo bietet obdachlosen Jugendlichen im Hier und Heute einen sicheren Zufluchtsort. Sie wissen, dass sie hier Nothilfe erhalten und wichtiger: einen Ort, an dem ihnen geglaubt und mit ihnen gehofft wird», sagt die Theologin.
Auch die Stadt Zürich bestätigt, dass jugendliche Wohnungslosigkeit ein verdecktes Phänomen ist. Viele Betroffene tauchen in keiner Statistik auf, was die Lage schwer erfassbar macht. Sozialvorsteher Raphael Golta erklärt: «Solange junge Menschen in der Schule sind, sind sie auf dem Radar. Danach werden sie schnell unsichtbar. Probleme werden oft erst sichtbar, wenn Angebote genutzt werden.» Orte wie Nemo ergänzten dabei die entsprechenden städtischen Angebote.
Sip Züri dokumentiert alle Einsätze und wertet Kennzahlen wie Alter, Beratung und Vernetzung systematisch aus. Parallel dazu ist eine Bedarfsanalyse für das Übergangswohnen junger Erwachsener in Arbeit. Verlässliche Zahlen gibt es bis anhin aber nicht. Eine landesweite Studie, welche die Fachhochschule Nordwestschweiz in Zürich, Bern, Lausanne und Genf gestartet hat und vom Schweizerischen Nationalfonds getragen wird, könnte hier Abhilfe schaffen und Grundlagen für gezielte Prävention liefern. «Studien können die eigenen Wahrnehmungen ergänzen und helfen, blinde Flecken sichtbar zu machen», sagt Stadtrat Raphael Golta.
Mit Gottes Fügung
Kurz nach 17 Uhr klingelt es an der Tür. Leonie, ein Mädchen mit grünen Haaren, huscht hinein. In der Küche bereitet Mirabelle Brotscheiben, Aufschnitt, Käse und Gurken vor. «Die Sandwiches mögen sie am liebsten», sagt die Mitarbeiterin. Mit 21 lebte sie selbst schwanger auf der Gasse. Sie weiss, was die Jugendlichen durchmachen.
Angefangen hat die Geschichte der Notschlafstelle Nemo in einer bescheidenen Altbauwohnung beim Stauffacher. 2019 kam sie in das Haus mit dem grossen Garten im Friesenberg, das der reformierten Kirchgemeinde gehört. «In dem Moment war es für uns wie Gottes Fügung», sagt Baranova.
Die zehn Betten sind fast durchgehend belegt. Rund 200 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 23 finden hier jedes Jahr vorübergehend Unterschlupf. In der Stube liegt das Gästebuch offen auf dem Tisch. Die Nemo-Leiterin zeigt auf einen Eintrag, der ihr besonders am Herzen liegt: «Als ich hier ankam, war ich drogenabhängig, obdachlos und hatte nichts mehr. Jetzt bin ich drogenfrei, habe ein Zuhause und wöchentliches Geld», schrieb da jemand. Sandra Hohendahl-Tesch
