Dass Philosophie nicht nur in Hörsäle und Seminarräume der Universitäten, sondern mitten in die Gesellschaft gehört, dafür stand Jürgen Habermas wie kaum ein anderer Intellektueller. Er entwickelte eine politische Philosophie, die den Weg zu einer radikal partizipativen Demokratie weisen sollte.
Mit seinen zentralen Werken wie «Strukturwandel der Öffentlichkeit» oder «Theorie des kommunikativen Handelns» erlangte Habermas Weltruf. Die Bücher wurden in Dutzende Sprachen übersetzt. Mitte März verstarb der bedeutendste deutsche Philosoph der jüngeren Geschichte im Alter von 96 Jahren.
Kritik am Kapitalismus
Habermas’ akademische Laufbahn fand 1964 mit der Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt einen ersten Höhepunkt. Fortan hatte er kraft seiner Stellung als Vertreter der Frankfurter Schule grosses Gewicht in öffentlichen Debatten. Das Einmischen der Intellektuellen in den alltäglichen gesellschaftspolitischen Diskurs sah Habermas als existenziell an.
Seine Kritik wandte sich unter anderem gegen den Kapitalismus. So wurde Habermas zu einer Galionsfigur der 68er-Bewegung. Von ihr distanzierte er sich aber, als Teile davon Gewalt als eine politische Option legitimierten und zunehmend in radikale Dogmen verfielen.
Habermas vermittelte in seiner Diskursethik stets den gewaltfreien und egalitären Austausch auf dem Weg zu einer gerechten und freiheitlichen Gesellschaft. Durch eine vernunftbasierte Diskussion sollte das moralisch Richtige erkannt und durchgesetzt werden.
Viele seiner Ansätze sind bis heute aktuell. Dem zunehmenden Relativismus der Fake-News-Ära kann durchaus sein universalistischer Geltungsanspruch moralischer Werte gegenüberstellt werden.
Die Religion stiftet Werte
Bemerkenswert ist seine Beziehung zur Religion. Habermas war selbst nicht gläubig, nahm das christlich-jüdische Erbe jedoch in seine Analysen auf. Für den Denker fungiert die christliche Religion als eine uralte, Werte stiftende Instanz. Durch sie etablierten sich wichtige moralische Leitlinien wie die Nächstenliebe und daraus letztlich auch die Menschenrechte.
