«Eheringe erzählen die Geschichte eines Paares»

Hochzeit

Eheringe symbolisieren Liebe, sie gehen verloren, werden überfahren oder gerettet. Eine Goldschmiedin und zwei Mitarbeitende von «reformiert.» haben schon einiges erlebt.

Wie wichtig sind heute Eheringe? 

Claudia Neuburger: Die Symbolik von Eheringen ist ungebrochen stark. Bei uns machen Trauringe rund einen Drittel des Umsatzes aus. Auch Verlobungsringe haben wieder an Bedeutung gewonnen.

Weshalb ist das so? 

Ob Verlobung oder Hochzeit, ich glaube, ein Paar will diese Momente zelebrieren. Ringe sind ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit.

Gibt es Trends bei den Eheringen? 

Eheringe sind etwas sehr Individuelles und sollen die Geschichte eines Paares erzählen. Es gibt einen leichten Trend zu eher schlichten, zeitlosen Ringen. Beim Material ist alles möglich: Gold, Platin, Silber, Carbon, Titan oder auch Tantal.

Wissen die meisten Paare genau, wie ihre Eheringe aussehen sollen? 

Es gibt Paare, die kommen mit den Ringen ihrer Grosseltern und möchten sie anpassen oder leicht verändern lassen. Manche kommen mit einer Idee, andere sind offen. Wir steuern unsere Beratung bei.

Was machen Sie, wenn sich Paare überhaupt nicht einig sind? 

Die Eheringe müssen nicht für beide genau gleich aussehen. Da finden wir immer eine schöne Lösung.

Claudia Neuburger

Claudia Neuburger

Die Goldschmiedemeisterin führt seit 33 Jahren ihr Geschäft Punctum Aureum in der Berner Altstadt. Vier weitere Goldschmiedinnen verwandeln im Atelier «Geschichten in Schmuckstücke», wie es Claudia Neuburger beschreibt. Sie ist als Ausbildnerin und Chef-Prüfungsexpertin im Kanton Bern auch mitverantwortlich für den Nachwuchs in der Branche. 

Kommt es vor, dass Sie Eheringe völlig frei gestalten können? 

Die Gestaltung von Trauringen ist in den allermeisten Fällen ein Zusammenspiel zwischen dem Paar und der Goldschmiedin. Dieser Prozess ist wichtig, und dafür nehmen wir uns Zeit. Einen Trauring trägt man im besten Fall ein Leben lang.

Wenn man ihn nicht verliert ...  Da kennen Sie sicher Geschichten. 

Allerdings. Eine Kundin hat ihren Ehering auf der vereisten Hauszufahrt verloren. Versehentlich fuhr ihr Mann mit dem Auto darüber, was zur Folge hatte, dass der Ring ziemlich zerdrückt wurde. Wir haben den Ring sorgfältig wieder in seine Form gebracht, Risse gelötet, gefeilt, poliert und die fünf Brillanten wieder sicher eingefasst.

Sind Ihnen einige Ihrer Ringe besonders in Erinnerung geblieben? 

Es gibt Ringpaare, die herausragen. Wir hatten einmal ein Paar, das sich in Indien kennenlernte und verliebte. Sie haben ein Elefantenhaar mitgebracht als Erinnerung. Dieses Haar habe ich in die Eheringe eingearbeitet. Man sieht es zwar nicht. Aber beide wissen, dass es da ist. Ich erinnere mich auch an einen Ring, in den ich ein Stücklein Weissgold eingearbeitet habe. Es stammte von der Fassung eines Rings der Grossmutter. An der Innenseite des Eherings ist ein kleiner Farbunterschied zu sehen. Nicht mehr. Aber die Symbolik ist gross.

Sie teilen also auch sehr persönliche Geschichten mit den Paaren. 

Das macht die Arbeit so schön. Wir machen den Menschen Freude. 

Wie zwei Redaktionsmitarbeitende ihren Ehering verloren – und wiederfanden

Verloren im einstigen Kloster

Die Übernachtung im historischen Hotel auf der Petersinsel war ein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann. An einem Sommerabend bezogen wir ein Zimmer im ehemaligen Kloster. Es hatte einen Boden aus massiven Holzdielen und eine Innenwand aus Mauersteinen. 

Kurz vor dem Schlafengehen legte mein Mann – wie jeden Abend – seinen Ehering auf den Nachttisch. Besser gesagt: Er wollte ihn dorthin legen. Der Ring fiel zu Boden und kullerte in einen Spalt zwischen Holzboden und Wand. Wir leuchteten dort mit der Lampe des Handys hinein. Ein Abgrund tat sich auf: Unter dem Zimmer befand sich ein Hohlraum aus Holz, eine Art Zwischenboden. Der Ehering lag irgendwo dort unten. Unerreichbar. 

Nach einer schlaflosen Nacht standen wir an der Rezeption: Wie sollten wir den Ehering bergen? Könnte man eines der Bodenbretter entfernen? Schwierig, so die Antwort. Das Hotel sei im Sommer fast immer ausgebucht und zudem denkmalgeschützt. Irgendwann werde man renovieren. Vielleicht dann? Wir verliessen die Petersinsel ohne Ring und ohne viel Hoffnung. 

Mein Schwager, ein Arzt, hatte schliesslich eine Idee: Wir könnten doch versuchen, den Ring mit einer Endoskopkamera zu orten und aus dem Loch zu ziehen. Mein Mann kaufte online ein Gerät mit flexiblem Schlauch, Greifzange, Licht und einer Kamera, die das Bild aufs Handy übertragen konnte. 

Als «unser» Zimmer frei war, wanderte er auf die Insel. Er brauchte einen Nachmittag, um den Ring zu lokalisieren. Retten konnte er ihn alleine aber nicht. Zweiter Versuch, zu zweit. Unsere Bergungsversuche fühlten sich an, als versuchte man, ein Stofftier aus einem Automaten zu fischen. Wir waren schweissgebadet und zunehmend verzweifelt. «Wir schaffen es nicht», sagte mein Mann. «Wenigstens wissen wir, wo der Ring liegt und dass es ein historischer Ort ist.» 

Frustriert zog er Schlauch und Kamera zum x-ten Mal in die Höhe. Am Greifer hingen sehr viele Staubmäuse – und der Ehering. Unser Jubel war im ganzen Haus zu hören. 

Mit einem Glas Champagner feierten wir den zweiten Ringtausch seit der Hochzeit. Seither zieht mein Mann den Ehering nicht mehr aus. Die Kamera haben wir zur Sicherheit behalten.

Mirjam Messerli

Verloren im winterlichen Gebirge

Ich liebe Schnee. Das weisse Element hat für mich etwas unglaublich Faszinierendes und Zauberhaftes. Allein schon, wenn Milliarden Flocken aus dem Himmel auf die Erde schweben, physikalisch zwar klar beeinflusst – und doch scheinbar chaotisch. Natürlich existieren auch die weniger angenehmen Formen. Salziger Pflotsch beim Velofahren etwa, Zerstörung bringende Lawinen. Und: wie Schnee mit all seiner äusseren Schönheit einfach einen Ehering verschlucken kann, nicht lange nach der Hochzeit. 

An einem prächtigen Tag Mitte der Nullerjahre wars. Blauer Himmel und Pulverschnee, die Lawinensituation vollkommen in Ordnung. Mit Freunden machten meine damalige Frau und ich uns auf für eine gemütliche kleine Tour im wunderschönen Kiental im Berner Oberland. Nach einem guten Stück mit Schwüngen im unberührten Pulverschnee zog ich bei einer kurzen Pause die Handschuhe aus – und der Ehering flog dabei einfach vom Finger; vielleicht hatte die Kälte meine Glieder leicht geschrumpft. 

Unsere Bestürzung am Dürreberg, wie der Hang mit weiten Alpweiden und wenigen Felsen heisst, war riesig. Fieberhaftes Suchen im tiefen Schnee folgte – erfolglos. Und weil in unmittelbarer Nähe auffällige Geländemerkmale fehlten, war der Ort schwer zu lokalisieren. GPS hatten wir nicht, also machte ich ein paar Fotos von der Aussicht, um so später die Stelle ungefähr rekonstruieren zu können. 

Ein erster Suchversuch im Frühjahr war verfrüht. Zwar erschienen schon beige Grasnarben zwischen Schneeflecken, auch lila Soldanellen hier und dort. Aber es war noch hoffnungslos, den Ring zu finden. 

Im Sommer jedoch machten wir uns erneut auf für eine Wanderung über die Sefinenfurgge, ausgerüstet zusätzlich mit einem Metalldetektor, den ein Freund selbst gebastelt hatte. Und das Unerwartete geschah: Haarscharf neben einem Murmelibau lag der goldene Ring im zaghaft frisch spriessenden Berggras. Was für ein Glück! Dass dieses Glück in unserem Zusammenleben schliesslich Jahre währte, aber doch nicht ewig: Das wiederum ist eine andere Geschichte.

Marius Schären