Kinder übernehmen eine Kirche

Architektur

Wo einst Gottesdienst gefeiert wurde, werden künftig Kinder betreut. Die umgebaute Kirche Wipkingen besticht mit Zweckmässigkeit in einmaligem Ambiente. 

Der Blick auf die hölzerne Kanzel ist geblieben. Vom Eingangsportal ist sie durch gläserne Türen des neuen Mehrzweckraums sichtbar, in dem sich bereits nach den Sommerferien Schülerinnen und Schüler tummeln und sich verpflegen werden. Nach dem Umbau, der über ein Jahr dauerte, wird die Kirche Wipkingen ihren neuen Zweck erfüllen: Sie bietet der Schule Waidhalde Platz für Betreuungsräume, Essbereich, Bibliothek und Veranstaltungssaal.
Die Umnutzung einer Kirche in ein Schulgebäude sei eine Premiere in Zürich, betonte der für das Schuldepartement neu zuständige Stadtrat Balthasar Glättli bei der Medienkonferenz Ende Juni. «Wir tragen gerne dazu bei, dass diese Kirche wieder belebt wird, im Sinne der Gemeinschaft», sagte Glättli.


Platz für den Unterricht
Der letzte Gottesdienst dort ist rund acht Jahre her. Zu steil am Berg sei die Kirche für die schwindende Zahl der Gottesdienstbesucher gewesen, sagte Michael Hauser, der bis jetzt in der Kirchgemeinde Zürich für die Immobilien zuständig war.
Vorübergehend zog für gut zwei Jahre die Klimajugend ein, dann meldete die Stadt Zürich Interesse an. Sie ist mit der Kirchgemeinde bereits seit einigen Jahren im Dialog, um mögliche Um- oder Zwischennutzungen von Gebäuden zu eruieren, die von der Kirchgemeinde nicht mehr benötigt werden. Das prominenteste Beispiel der Zusammenarbeit ist die Bullingerkirche, die seit 2023 von Kantons- und Gemeinderat sowie den Kirchenparlamenten genutzt wird. Auch die Synode tagt dort.

In der Schule Waidhalde sei der Bedarf nach Räumen gross, sagte die Präsidentin des Schulkreises Waidberg, Gabriela Rothenfluh. Zu den hohen Schülerzahlen kam die Einführung der Tagesschule vor zwei Jahren. Die Schülerinnen und Schüler seien derzeit «eng betreut» im wörtlichen Sinn. Mit der umgenutzten Kirche würden im Schulgebäude zusätzliche Zimmer frei, in denen Unterricht stattfinden kann.


Der Umbau kostete 9,3 Millionen Franken, die Kirchgemeinde erhält während des für 15 Jahre geschlossenen Mietverhältnisses mit Verlängerungsoption knapp 180 000 Franken an Jahresmiete. Die bauliche Zusammenarbeit zwischen Kirchgemeinde und Stadt beschrieben die Beteiligten als intensiver als bei den bisherigen Projekten.


Sorgfältig und nachhaltig
Die Architektinnen und Architekten des Büros Vécsey Schmidt aus Basel setzten im Wesentlichen auf einen Holzeinbau im Mittelschiff, der wieder komplett zurückgebaut werden kann. Er führt dazu, dass im ersten Stock mit seinen Emporen ein imposanter Saal entstanden ist. Im Erdgeschoss wurden aus den Seitenschiffen neue kleinere Räume. 


Nur das Erdgeschoss ist beheizt, die Fenster wurden in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege mit einer zusätzlichen Verglasung isoliert. Der Saal im Obergeschoss soll eher während der wärmeren Monate genutzt werden. Die Malereien an Decken und Fenstern, ebenso wie das grosse, den Raum prägende Rosettenfenster, kommen dort besonders eindrücklich zur Geltung.

Alternative zum Neubau
In vielen Details bewies das Architekturbüro besondere Sorgfalt mit bereits vorhandenen Materialien. Die alten Kirchenbänke wurden in einigen Räumen belassen und teils in ein neues Wandtäfer integriert. Letzteres wurde aus dem Holz überzähliger Bänke geschaffen, es macht die Räume wohnlich und verbessert zugleich ihre Akustik. Und auch alte Lampen fanden an neuen Stellen eine Verwendung. Mit einem kleinen Seitenanbau wurde ausserdem Platz für ein behindertengerechtes WC und Putzräume geschaffen.

Nachhaltig macht das Projekt laut den Beteiligten aber vor allem die Tatsache, dass auf einen Neubau verzichtet und somit graue Emissionen eingespart wurden. «Der Umbau ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Stadt Alternativen zu Neubauten priorisiert», sagt Tobias Langenegger, Vorsteher des Hochbauamtes. «Gleichzeitig bleibt ein wertvolles Gebäude für künftige Generationen erhalten und dessen eindrucksvolle Kirchenarchitektur erlebbar.» 

Von deren Aura dürften auch die Schülerinnen und Schüler etwas abbekommen, scherzt Kirchenpfleger Michael Hauser. «Ich denke, die Zahl der Reformierten wird wieder steigen, wenn die Schülerinnen und Schüler in einer Kirche sozialisiert werden.»