| Erstellt: 27.01.2012 | |
Franziska Suter, kommt es vor, dass Sie vor der Tür zu einem Krankenzimmer am liebsten wieder umkehren möchten?
Nein. Natürlich gibt es Situationen, in denen ich inneren Widerstand wahrnehme: wenn ich zum Beispiel Nachtdienst habe und ein Patient sehr anspruchsvoll ist. Dann muss ich mich vor dem Eintreten ins Zimmer sammeln und mir bewusst machen, dass ich müde bin und darum gereizt – und dass das nicht das «Vergehen» des Kranken ist.
Sie stellen sich also ganz auf einen Kranken ein?
Wir versuchen, hinter dem zu stehen, was der Patient entschieden hat: Er macht diese Therapie. Es kommt vor, dass jemand unsicher wird, dann soll er dennoch – oder erst recht – meine grundsätzliche Unterstützung erfahren. Das kann auch bedeuten, dass ich das Sprachrohr des Kranken gegenüber den Ärzten werde. Ich trage das mit, aber ich muss nicht beurteilen, ob seine Haltung richtig ist oder nicht.
«Läuten Sie ungeniert»: Das ist ein Standardsatz des Pflegepersonals. Was, wenn sich ein Patient wirklich daran hält?
Es kommt vor, dass jemand «auf der Glocke sitzt», wie wir sagen. Das hat fast immer einen Grund: Vielleicht hat der Patient Angst, Panik. Manchmal hilft es, wenn ich eine Zeit lang bei ihm sitze oder mehr Licht mache. Wenn es eine reine Anspruchshaltung ist – der Rollladen muss zuerst hinauf, dann gleich wieder runter –, dann sage ich auch einmal: Es tut mir leid, aber Sie müssen sich jetzt gut überlegen, was Sie in den nächsten fünf Minuten noch brauchen, und Sie müssen es mir jetzt sagen, nachher habe ich einfach keine Zeit mehr. Meistens kommt das gut an. Aber man kann nicht alles professionell bewältigen. Manchmal hat man einen gereizten Unterton, der andere merkt das auch. Ich bitte dann um Entschuldigung. Gereiztheit darf sein, auf beiden Seiten, wir müssen das ertragen können.
Gilt das auch für die Zusammenarbeit im Pflegeteam?
Nicht jeder reagiert gleich, wenn man ihn auf einen Fehler aufmerksam macht. Und doch muss man es immer wieder tun, immer wieder konfrontieren, auch wenn es den Kollegen verärgert. Es darf nicht sein, dass man hintenrum allen anderen sagt, was einem an einer bestimmten Person nicht passt, aber ihr selbst nicht. Klar ist aber auch, dass man dann selbst nicht geschont wird.
Was tun Sie, wenn von ärztlicher Seite etwas verpatzt wird?
Die Assistenzärzte etwa sind für viele Patienten verantwortlich, da kann mal etwas untergehen. Es stört mich nicht so sehr, wenn etwas vergessen geht. Mehr stört mich, wenn jemand auf einen entsprechenden Hinweis verärgert reagiert. Wenn wir alle respektieren, dass vier Augen mehr sehen als zwei, dass beide Berufsgattungen, Ärzte und Pflegende, professionell sind, aber unterschiedliche Arten der Verantwortung wahrnehmen, funktioniert es sehr gut. Wenn aber Machtansprüche hineinspielen, wenn es als Problem zwischen Hierarchieebenen ausgetragen wird, kommt es zu Konflikten.
Unterschiedliche Arten von Verantwortung?
Ein Arzt will, dass eine Therapie heilt, gerade bei jungen Menschen. Wir Pflegenden jedoch, wir begleiten, stützen, tragen, und wir kommen manchmal auch an den Punkt, an dem wir sagen: Man muss den Patienten jetzt in Ruhe lassen. Dieser Punkt wird unterschiedlich wahrgenommen, weil Ärzte und Pflegende unterschiedlich ausgerichtet sind. Die Assistenzärzte schwenken oft auf unsere Linie ein, weil sie jeden Tag den Verlauf der Krankheit wahrnehmen und das Leiden aus grösserer Nähe mitbekommen. Die Entscheidung ist immer beim Oberarzt, aber sie wird natürlich im Team diskutiert.
Und manchmal erleben Sie Überraschungen?
Ja, es ist überhaupt nicht immer so, dass die Pflege recht hat. Ich erinnere mich an Kinder, die extrem litten. Als Mutter hätte ich wohl gesagt: Ersparen wir ihnen das. Und dann überlebten sie. Natürlich kann man immer noch die Frage stellen: Ist Überleben alles? Wie steht es mit der Lebensqualität? Aber auch das kann man ja nicht voraussehen. Niemand von uns weiss alles. Wir wollen gemeinsam zu einem Konsens kommen, und meine Aufgabe kann es sein, eine unerträgliche Situation anzusprechen.
Was, wenn Sie selbst die Diagnose Leukämie hätten?
Es ist seltsam, ich glaube nicht, dass ich ausgerechnet an Leukämie erkranken könnte. Aber das meint jeder. In jungen Jahren hätte ich mit dieser Diagnose keine Chance gehabt, weil es noch keine Fremdspende gab. Ich würde vielleicht noch nach anderen Optionen fragen. Aber gerade bei Leukämie gibt es keine alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Die seriöse Naturheilkunde sagt ganz klar: Da können wir mit unseren Mitteln nichts machen.
Interview: Käthi Koenig
| Franziska Suter ist seit 35 Jahren Pflegefachfrau. Seit 1986 arbeitet sie auf der Isolierstation des Basler Universitätsspitals |










