Jakob Passweg (Bild: Christian Aeberhard)
Jakob Passweg (Bild: Christian Aeberhard)
Erstellt: 27.01.2012
Patientengespräch: Das sagt der Chefarzt
Interview mit Jakob Passweg

Herr Passweg, Sie kennen die medizinischen Werte Ihrer Patienten bis ins kleinste Detail. Kennen Sie sie auch als Menschen?
Diese Daten machen nur einen kleinen Teil aus in der Beziehung zu den Patientinnen und Patienten. Die Krankheit gehört zwar zur Person, aber die Person ist mehr als die Krankheit. Gerade das gefällt mir an meinem Beruf: dass ich in Kontakt bin mit ganz unterschiedlichen Menschen. Als ich in Genf arbeitete, begegnete ich auch Menschen aus ganz andern Kulturen.

Da war die Verständigung gewiss nicht einfach.
Nur schon das Verstehen an sich ist da eine mühsame Sache. Und auch inhaltlich gibt es Unterschiede. Bei uns in der Schweiz hat innerhalb der letzten dreissig Jahre ein Wandel stattgefunden: ein Wandel hin zur Ehrlichkeit. Dass der Patient nicht informiert wird und Leiden, Sterben und Tod tabuisiert werden, das ist bei uns vorbei. In anderen Kulturen jedoch gilt zum Teil immer noch: Ein Arzt, der über das Sterben spricht, ist ein schlechter Arzt.

Wie wirken sich Offenheit und Ehrlichkeit aus?
Uns ist der Begriff «Empowerment» wichtig: Der Patient soll Herr über sein eigenes Schicksal bleiben. Dass ein Kranker sagt: «Herr Doktor, entscheiden Sie, ich will gar nichts wissen», das kommt heute kaum mehr vor. Vor vierzig Jahren war das die normale Einstellung.

Gibt es bei schwerkranken Patienten gewisse Charaktereigenschaften, welche die Heilungschancen fördern – oder gefährden?
Ich glaube nicht, dass es da einen besonders günstigen Grundcharakter gibt. Ein Kämpfertyp wird nicht unbedingt besser fertig mit der Krankheit als ein duldender Mensch, der sagt: Was immer auf mich zukommt, ich nehme es, wie es ist. Wichtig ist jedoch eine gewisse Zuverlässigkeit, was die Behandlung angeht. Es gibt Leute, die nur die Hälfte der vorgeschriebenen Medikamente einnehmen: Vielleicht haben sie eine geheime Wut, aber statt auf den Tisch zu klopfen und sich zu beklagen, entziehen sie sich auf diese Weise. Gewisse Behandlungen, von denen man weiss, dass sie Erfolg haben, gelingen eindeutig nicht, wenn sie nicht richtig durchgeführt werden.

Erhalten alle von einer Krebserkrankung Betroffenen die notwendige Therapie?
Weltweit längst nicht alle. Die meisten Menschen mit diesen Krankheiten erhalten nicht die Behandlung, die ihnen hilft oder sie sogar heilt.

Aber bei uns wird niemand ausgeschlossen?
Es gibt immer ethische Konfliktzonen. Zum Beispiel: Ein junger Mann mit einer schweren geistigen Behinderung, der Leukämie hat – macht man da eine Chemotherapie? Auch eine Stammzellentransplantation? Kann er verstehen, worum es geht, und sich entsprechend verhalten? Oder darf man die Transplantation bei jemandem machen, von dem man weiss, dass er unzuverlässig ist im Umgang mit den Medikamenten? In solchen Situationen gibt es eine ethische Beratung. Meistens entscheiden wir zugunsten des Patienten. Es besteht ja auch immer die Möglichkeit, dass er sich ändert, hinzulernt.

Kann sich unsere Gesellschaft diese teuren Therapien überhaupt leisten?
Die Schweiz ist das wohlhabendste Land auf dieser Welt. Die Gesundheitsversorgung ist gut ausgebaut, mit relativ viel Speck dran. Der Kantönligeist bewirkt jedoch viele Ineffizienzen – da gäbe es zuerst anderswo Speck abzuschneiden …

Werden aber dennoch Behandlungen vorenthalten?
Ständig und überall, aber das hat mit anderem zu tun. Zum Beispiel sind gewisse Krankheiten so selten, dass die Medikamente dazu auf den Listen der Krankenkassen nicht aufgeführt sind. Es gibt auch Rechtsungleichheiten wegen den unterschiedlichen Voraussetzungen in den Kantonen.

Und wenn die Therapie nur bedingt gelingt und ein Patient zu gesund zum Sterben, aber zu krank ist, gut zu leben? Was heisst das für Sie?
Es ist eine grosse Freude, jenen zu begegnen, welche die Krankheit überwinden. Wenn sie sich jedoch wieder zurückmeldet, ändert sich die Zielsetzung der Therapie. Dann geht es darum, mitzuhelfen, dass der Kranke den Rest des Lebens gut, würdig verbringen kann und der Tod möglichst gnadenvoll ist.

Bedeuten die Angebote der Sterbehilfeorganisationen für Sie als Arzt eine Entlastung?
Ja, ich finde, wir haben eine relativ gute Gesetzgebung, auch wenn längst nicht alles geklärt ist. Es gibt kein Gesetz, das festlegt, bis zu welchem Punkt ein Leben lebenswert ist, das Urteil darüber wird vielmehr den Einzelnen zugebilligt. Viele unserer Patienten sind Exit-Mitglieder, manche kämpfen dennoch bis zum Schluss und nehmen die Sterbehilfe nicht in Anspruch. Aber sie wissen, dass es diese Möglichkeit gibt. Grundsätzlich sind wir als Ärzte auf der Seite des Lebens: Wir machen zwar Sterbebegleitung, sind aber bei assistiertem Suizid nicht dabei.

Interview: Käthi Koenig


Jakob Passweg, Chefarzt
Dr. med. Jakob Passweg, 52, ist seit Januar 2011 Professor für Hämatologie an der Universität Basel und Chefarzt für Hämotologie am Universitätsspital