| Erstellt: 27.08.2010 | |
Es war im Herbst 2006, als ich zum letzten Mal mein Grosi besuchte. Meine Töchter waren auch dabei, und natürlich gab es Wienerli und Züpfe – das gab es immer, und man musste mit Appetit essen, auch wenn man keinen hatte. Da kam meine Jüngste auf einmal mit einer alten Fotografie, die sie in Grosis Schlafstube entdeckt hatte, und fragte: «Du, Urgrosi, wer ist das?» Meine Grossmutter nahm das Bild ganz nah vor die Augen und sagte, das sei ihre Verwandtschaft, Vater und Mutter, Schwester und Bruder, Onkel und Cousinen, und, ja, das Mädchen da in der vorderen Reihe, die Vierte von links, sei sie, Martha König, wohl elf- oder zwölfjährig. Meine Tochter schaute und staunte und sagte: «Läck, Urgrosi, du hattest aber eine moderne Frisur, so kurz!» Da erzählte meine Grossmutter, wie sie 1918 die Spanische Grippe bekommen habe, die damals gewütet und viele Menschen dahingerafft habe. Und da seien ihr eben nicht nur alle Zähne ausgefallen, sondern auch die Haare, und auf dem Bild seien die halt eben erst ein bisschen nachgewachsen. Ein ganzes Jahr lang habe sie nicht zur Schule gehen können, fügte sie an, worauf meine Tochter sagte: «Ich möchte auch einmal ein Jahr lang nicht in die Schule.» – «Und ich möchte mehr von deinem Leben wissen, Grosi», sagte ich, «ich habe ja keine Ahnung.» Doch meine Grossmutter hörte schwer und hatte Schmerzen und war meist sehr müde damals – und vier Wochen später war sie tot, gestorben kurz nach ihrem 98. Geburtstag, und ich konnte nicht mehr fragen.
Und so bleiben halt vorab Bilder und Erinnerungen. Wie meine Grossmutter in einem grossen Korb das Zvieri aufs Feld brachte, wenn wir beim Heuen halfen, und dass der Minzentee so süss war. An ihre stets etwas traurigen Augen und den schleichenden Gang – als wollte sie unsichtbar sein. An ihre Küchenschürze und die Stofffinken und ihre unglaublich weichen Wangen und die laut tickende Pendüle in der Stube und das muffige Zimmer, wo wir Enkel übernachten mussten, und an den Geruch von Heu und Holz und Feuer im Herd.
Und daran, dass sie immer «Bhüet di Gott» sagte, wenn sie mich verabschiedete. Auch nach dem letzten Besuch, und ich sagte, was ich sonst nie sage: «Ja, Grosi, dich auch.»
Martin Lehmann



