| Erstellt: 27.08.2010 | |
Meine Grossmutter war jung. Immer. Als sie mit knapp zwanzig Mutter und mit 49 erstmals Grossmutter wur- de. Sie war eine ungewöhnlich unternehmungslustige Frau: Sie lehrte mich jassen und Völkerball spielen, sie kam mit uns im nahen Friedhof Rosskastanien suchen, sie war die erste in der Familie, die farbig fotogra- fierte. Und sie war eitel. Ich erinnere mich, wie sie ihre silbergrauen Haare bläulich färbte und wie sie sich auf dem Balkon ein Solarium einrichtete, damit sie ganzjährig «eine gesunde Bräune» hatte. Die Falten, die sie sich beim intensiven Sonnenbaden holte, verabscheute sie dann allerdings, ebenso die schlaffe Haut an den Oberarmen. Ich aber fand diese «Schrümpflihut» ungemein attraktiv und wollte immer ihre Arme streicheln, wenn ich bei ihr war.
Meine Grossmutter konnte wunderbar Geschichten erzählen. Klar, das ist keine Seltenheit bei Grossmüt- tern. Aber meine Grossmutter er- zählte aus dem wirklichen Leben! Und sie hatte einiges erlebt: Geboren in Valangin, einem kleinen Dorf im Neuenburger Jura, kam sie mit fünfzehn Jahren als Dienstmädchen nach Zürich und lernte eine ganz neue Welt kennen: Sie bekam Freude an schönen Kleidern und Hüten – und sie starb fast vor Heimweh. Später, als sie längst verheiratet war und ihre Kinder ausgeflogen waren, reiste sie mit dem Ozeandampfer nach Amerika. Und ich stellte mir immer vor, das Ölgemälde mit den haushohen blaugrünen Wellen, das in ihrem Zimmer hing, habe sie selbst auf Deck gemalt. Zugetraut hätte ich es ihr.
Meine Grossmutter war anders: ungestüm, unverfroren, unangepasst. Sie liebte das Leben und liebte die Menschen. Und bis ins hohe Alter – sie wurde 96 – schwärmte sie ab und zu von einem flüchtige Flirt mit einem «märchenhaft schönen Inder» auf einem Vierwaldstättersee-Dampfschiff. Ich werde die Worte nie vergessen, mit denen sie uns von jenem Mann und seinen kaffeebraunen Beinen in den Khakihosen schwärmte: «Chnöili het dä gha – wien es Edelpferdli!» Es ist bis heute ein geflügeltes Wort in unserer Familie. Rita Jost



