Die Grossmutter der Autorin
Die Grossmutter der Autorin
Erstellt: 27.08.2010
Die Strenge
Die Grossmutter der Aargauer «reformiert.»-Redaktorin Annegret Ruoff

Die Haut meiner Grossmutter war weich und warm. Ihre «Schöibe» roch nach Zwiebeln und Bohnenkraut. Lange bevor ich reden konnte, lag ich fünf Tage die Woche in ihren Armen. Sie gab mir den Schoppen, trocknete meine Tränen und sang jeden Abend «I ghören es Glöggli» – damit mei- ne Mutter verwirklichen konnte, was ihr selbst nie vergönnt war: zu studieren.
Nach drei Jahren Bezirksschule musste sie nämlich in die «Wäbi», die Weberei. Als sie das erste Kind zur Welt brachte, holten sie meinen Grossvater an die Front. Das Geld reichte grad so fürs Nötigste. Mit 36 war sie vierfache Mutter, mit 40 bekam sie ein künstliches Gebiss, mit 45 versteifte man ihr ein Hüftgelenk. Von da an war die Krücke Grossmutters Zeigefinger: Stets darauf bedacht, allen alles recht zu machen, wies sie uns Grosskinder an, den Staub vom Vorplatz zu wischen, den Garten zu jäten und die Erdbeerkonfi aus dem Keller zu holen. «Annegretli, gang reich mer no gschwend … », höre ich sie heute noch sagen. Ihr Leben war vordergründige Ordnung: Am Montag gab es Spaghetti, am Samstag Kartoffelsuppe. Den «Anttivisalat» schnitt sie in ganz schmale Streifen. Um sieben zog sie die schweren Vorhänge zu: Zeit für die «Tagesschau». Danach gab es Apfelschnitze aus dem Plastikteller.
Wie Grossmutters Lachen klang, weiss ich nicht. In ihren Augen lag bestän- diger Ernst. Einmal, als ich in einem un- bedachten Moment ins Badezimmer trat, stand sie im Sonntagskleid vor dem Spiegel und weinte. «I be so wüescht», flüsterte sie – bevor sie sich wieder zusammenriss. Mir war, als hätte sie mir ihr Innerstes offenbart.
Sie war die Gescheite, Strenge, «Gschaf- fige», Grossvater der unbeschwert Spontane. Er liebte das Leben, das sie sich versagte. Als er an Alzheimer erkrankte, flüchtete sie ins innere Exil. Ihr Tod war ein langsames Verstummen.
Bei der Hausräumung kamen die Liebesbriefe meiner Grosseltern aus der Kriegszeit zum Vorschein. Da fand ich, was ich immer vermisst hatte: Grossmutters Gefühle. Annegret Ruoff