Erstellt: 27.01.2012
Die Hilflosigkeit der Gesunden
Editorial zum Dossier

Eine Kollegin wird krank. Sehr krank. Wir hören, dass sie weiterleben kann – falls sie Glück hat und sich irgendwo auf der Welt ein Stammzellenspender finden lässt. Was tun? Man wünscht Kraft. Man zeigt Mitgefühl. Man sagt: «Du machst es gut.» Und merkt, wie wohlgemeinte Aufmunterungen der Gesunden zu ungeschickten, leeren Floskeln für die Kranken werden können. Wie die Scheu Distanz statt Nähe schafft. Wir sagen: Sie ist schwer krank. Wir sagen nicht: Sie hat Leukämie. Wir sagen: Die Therapie ist riskant. Wir sagen nicht: Sie kämpft mit dem Tod. Oder gegen den Tod. Die Tabuisierung von Krankheit beginnt bei den Gesunden.

Konkret: Unsere Redaktionskollegin Käthi Koenig war plötzlich weg. Davon handelt dieses Dossier. Es ist keine journalistische Reportage aus einer Isolierstation. Es sind Notizen einer Reise an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod.

Eine Kollegin wurde krank. Sehr krank. Sie wurde unsichtbar. Das Spital verschluckte sie. Aber sie blieb nicht dort. Sie ist unterwegs zurück ins Leben. Sie erholt sich. Martin Lehmann