| Erstellt: 27.08.2010 | |
Den Vater meines Vaters nannten wir Papa – warum, weiss ich nicht. Als ich elf Jahre alt war, starb er achtzigjährig. Er war der erste tote Mensch, den ich gesehen habe. Irgendwo in Holland lag er in einem Aufbahrungsraum und sah friedlich aus. Seine vollen weissen Haare waren wie immer in einer Tolle nach hinten gekämmt. In der folgenden Nacht träumte ich, dass er in einem Ledersessel sass und sich mit mir unterhielt. Worüber, weiss ich leider nicht mehr.
Obwohl Papa jedes Jahr mit Oma bei uns in der Schweiz zu Besuch war, erinnere ich mich nur an sein enorm lautes Schnarchen, das mir bis heute die Gewohnheit bescherte, mit dem Kopf unter statt auf dem Kissen zu schlafen. Besser lernte ich ihn erst nach seinem Tod kennen: als ich mit 22 Jahren nach Holland zog und an einem Novembertag die Uni schwänzte. An jenem Morgen fuhr ich nach Nijmegen, in die Stadt, in der mein Vater und sei- ne Geschwister während des Zweiten Weltkriegs gelebt hatten. Am Bahnhofskiosk kaufte ich mir die Zeitung «de Gelderlander», für die mein Grossvater viele Jahre als Journalist gearbeitet hat- te. Dann ging ich in die Stadtbibliothek und suchte im Zeitungsarchiv nach Artikeln von Jacobus Holthuizen. Aus den Jahren 1933–1945 fand ich Texte über lokale und internationale Ereignisse – aus den Nachkriegsjahren seltsamerweise nur noch Berichte über Lebensmittel. Am Abend rief ich meine Tante an und erfuhr, dass Papa nach Kriegsende mehrere Jahre lang für keine Tages- zeitung mehr schreiben durfte und daher für Fachzeitschriften arbeiten musste. Man lastete ihm an, dass er in den Kriegsjahren unter deutscher Besetzung weitergearbeitet und nicht gegen die Deutschen angeschrieben hatte. Dafür steckte ihn die Regierung nach Kriegsende neun Monate ins Gefängnis. Sein Argument, dass er als Vater von sechs Kindern seinen Job nicht aufgeben und sich unter Beo- bachtung der Besetzer keine Kritik erlauben konnte, zählte für das Gericht nicht. Im Gefängnis bekam Papa Tuberkulose und wog bei 188 Zentimetern Körpergrösse noch 47 Kilogramm.
Da er als Journalist erst keine Arbeit fand, gab er den niederländischen Freundinnen von Alliierten Englischunterricht. Dann landete er bei der Fachzeitschrift für Lebensmittelhändler, was ihn aber sehr langweilte. Seiner Leidenschaft ging er anderswo nach: beim Schreiben für eine Blindenzeitschrift und in unveröffentlichten Buchmanuskripten über Chinas Rolle im Kalten Krieg und über einen Fotografen. Papa sei sehr vielseitig gewe- sen und habe anstrengend viel über seine Arbeit gesprochen, sagte meine Tante.
Mein Mann, der eine Tolle hat wie Papa, sagt auch immer, ich rede zu viel über meine Arbeit. Schade, kommt mein Grossvater in meinen Träumen nicht mehr zu mir. Dann könnten wir endlos über unsere Leidenschaft reden, ohne jemanden zu nerven. Flüsterte er mir damals im Traum vielleicht zu, dass Schreiben wahnsinnig glücklich macht?
Anouk Holthuizen



