| Erstellt: 27.08.2010 | |
Mein Grossvater hiess Heinrich Hofmann, doch alle nannten ihn Harry Max. Warum das so war, weiss ich nicht. Vielleicht lag es an seinem verwegenen Aussehen. Er war ein schneidiger Mann. Kein Wunder, verfiel meine Grossmutter väterlicherseits seinem Charme, als sie von den Engadiner Bergen als Hausmädchen in die Bundesstadt ging. Sie hatte zwei Verehrer während ihrer Berner Zeit – entschieden hat sie sich für den falschen. Fünf Kinder, jedes Jahr eins, hat der Harry ihr gemacht, danach glänzte er vor allem durch Abwesenheit. Mein Vater wuchs im Engadin auf, sein Grossvater ersetzte ihm den Vater. Von diesem, meinem Grossvater Harry Max, hat er kaum gesprochen. Ich selbst habe ihn erst im Teenageralter per Briefkon- takt kennengelernt. Erstaunlicherweise antwortete mein «Opapa», so unterschrieb er stets, sofort. Ich erhielt genau datierte und kommentierte Fotos von Ur- und Ururgrosseltern und erfuhr un- ter anderem, dass mein Urgrossvater Eduardo Nationalturner war. Fotos meiner Urgrossmutter Hermine habe ich en masse – Harry liebte seine resolute Mutter sehr. Seine Zwillingsschwester Ida und er kamen als Halbwaisen zur Welt und wuchsen mit einem Stiefvater auf. Wer war mein Grossvater? Die Antworten finde ich nur anhand von den Sachen, die er mir schickte: Er war ein leidenschaftlicher Motorbootfahrer und Liebhaber von Töffs und teuren Autos. Er war ein grosser Sammler – auch von schönen Frauen. Leider wusste ich die seltenen Briefmarken, die er mir schickte, nicht zu würdigen; ich weiss nicht einmal mehr, wo sie sind. Mein Grossvater war ein Trödler. Meine Güte, wie viel Plunder mein Vater und mein Bruder aus Harrys Häuschen in Köniz wegschmeissen mussten, nachdem sich Opapa in aller Einsamkeit und todkrank mit einer Pistole erschossen hatte. Ich habe ihn nur zwei Mal persönlich getroffen. Er war für mich ein fremder Mann. Doch er war derjenige, der meinen frühen Wunsch, Journalistin zu werden, als Erster ernst nahm. Mein Opapa schickte mir eine weisse Hermes-Baby-Schreibmaschine, ein Diktafon und eine Polaroid-Kamera. Vielleicht wäre er heute stolz auf mich. Fadrina Hofmann



