Neni, der Pöstler: Der Grossvater der Autorin
Neni, der Pöstler: Der Grossvater der Autorin
Erstellt: 27.08.2010
Der Gentleman
Neni: Der Grossvater der Bündner «reformiert.»-Redaktorin Rita Gianelli

Als ich zehn Jahre alt war, wusste ich, was Heimat bedeutet. Dank Neni - meinem Grossvater. Mir stand zum zweiten Mal ein Schulwechsel bevor, doch dieses Mal war es anders, ich musste nicht bei null anfangen. Wir zogen nämlich dorthin, wo Neni wohnte, wo ich alles kannte. Und alle kannten meinen Neni, den Pöstler, Leo Bächler. Ich war stolz auf meinen Grossvater, denn er war die freundlichste Person, die ich kannte. Sein Lachen, die Art, wie er die Hand zum Gruss hob, im Winter den Schlitten voller Postsäcke hinter sich herzog, im Sommer den Wagen stiess, im- mer zuvorkommend: Das war mein Neni, ein wahrer Gentleman. Meine Ferien verbrachte ich oft bei den Grosseltern; fütterte mit Nani, der Grossmutter, die Eichhörnchen auf der Hohen Promenade, und Neni filmte uns mit seiner Super-8-Filmkamera – er war einer der ersten, der eine besass. Sonntags trug er im- mer Krawatte; Gummibänder hielten seine Hemdsärmel zurück. Neni hatte eine wunderschöne Schrift, voller Schnörkel, richtige Kalligrafie. Es gelang mir nie, sie nachzuahmen. Neni sah mit zwanzig nicht viel anders aus als mit sechzig: markante Nase, dichtes Haar, bei dem sich schon in jungen Jahren Geheimratsecken bildeten.
Mein Grossvater war bei Adoptiveltern aufgewachsen, bei «guten Leuten», wie er stets betonte. Seine leibliche Mutter war verschwunden, angeblich nach Amerika, sein Vater hatte anderweitig geheiratet. Als der zehn- monatige Leo im Spital abgeholt wurde, konnte er weder sitzen noch den Kopf aus eigener Kraft halten. Als Junge musste er auf Geheiss der Stiefmutter öfter deren Mann in der Wirtschaft aufsuchen, damit sich der Lohn nicht schon Anfang Monat ver- flüssigte - immer auf der Hut, eins zu kassieren. Obwohl klein und feingliedrig, arbeitete der junge Leo zuerst in einer grossen Giesserei, wie sein Adoptivvater. Sein richtiger Vater hat nie nach ihm gefragt, Neni schon – aber erfolglos. Als ich bereits Kinder hatte, merkte ich, dass ich eigentlich mein halbes Leben mit falschem Namen gelebt hatte. Woher kam eigentlich mein Grossvater? Und woher komme ich? Vielleicht sollte ich mich auf die Suche machen - und bei null anfangen. Rita Gianelli-Bächler