Pfarrer Klaas Hendrikse (Bild: zvg)
Pfarrer Klaas Hendrikse (Bild: zvg)
Erstellt: 26.08.2011
Der Pfarrer, der sagt: «Es gibt keinen Gott»
Glaube/ Klaas Hendrikse, Pfarrer im holländischen Middelburg, glaubt nicht an die Existenz Gottes. Und bezeichnet sich trotzdem als gläubig. Wie geht das?

Vor vier Jahren hat Klaas Hendrikse ein Buch geschrieben, das den protestantischen Pfarrer aus der kleinen Stadt Middelburg auf Zeeland im Süden Hollands mit einem Schlag berühmt machte: «Geloven in een God die nit bestaat» (übersetzt: «Glauben an einen Gott, den es nicht gibt»). Das Buch gibt es bisher auf Holländisch und Französisch (vgl. Text rechts). Hendriksens Überzeugung – Gott existiert nicht, er manifestiert sich uns nur in Beziehungen, Erfahrungen, Handlungen – sorgte für Furore und für Ungemach zugleich: Das Buch wurde zwar über 40 000 Mal verkauft, gleichzeitig forderten aber Kritiker die regionale Kirchenleitung auf, den streitbaren Pfarrer vom Kirchendienst auszuschliessen.
Diese Forderung wurde abgelehnt. Hendrikse ist weiterhin Pfarrer zweier kleiner Gemeinden auf Zeeland. Ein sehr beliebter Pfarrer übrigens: Seine Kirchen sind regelmässig voll.

Konsequent. Wer zu ihm komme, kenne seine Ansichten, sagt Hendrikse. Er habe in seinen 25 Jahren als Pfarrer nie einen Hehl aus seinen Überzeugungen gemacht. Was er sagt, ist auch weder absolut neu noch total revolutionär. Dorothee Sölle veröffentlichte 1968 eine Sammlung theologischer Texte mit dem Titel «Atheistisch an Gott glauben», und Dietrich Bonhoeffer schrieb in seinen Haftbriefen 1944 den berühmt gewordenen Satz: «Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.» Hendrikse glaubt auch, dass ganz viele seiner Kollegen denken wie er. Warum also die Aufregung? Weil er den Gedanken zu Ende denke und die Konsequenzen ziehe, sagt Hendrikse. Konkret heisst das: Er wendet sich in seinen Gebeten nicht an Gott, er tröstet niemanden mit der Bibel. Und Verheissungen eines «Reiches Gottes» hört niemand von ihm. Er sagt sogar: «Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.»

Gläubig. Für Hendrikse ist klar: «Anders könnte ich gar nicht glauben.» Aber glaubt er denn überhaupt? «Ja», sagt Hendriksen im Brustton der Überzeugung, «ich bin ein gläubiger Atheist.» Der sich von einem normalen Atheisten in einem wesentlichen Punkt unterscheide: «Die meisten Atheisten», sagt Hendrikse, «verneinen einfach alles und machen sich lustig über die Bibel, den Glauben und gläubige Menschen. Das tue ich nicht.»
Der Sohn eines atheistischen Tierarzts ist in einer sehr religiös geprägten bäuerlichen Gegend aufgewachsen und hatte immer «den Eindruck, dass diese tiefgläubigen Bauern uns etwas voraushaben: Sie akzeptieren das Leben so, wie es ist.» Nach seinem Erststudium an der Wirtschaftsfakultät arbeitete er zunächst in der Marketingabteilung einer multinationalen Firma. Erst mit dreissig Jahren begann er ein Theologiestudium – weil er sich fragte: «Falls dieser Gott, an den sie glauben, nicht existiert, warum hat er denn eine so grosse Bedeutung für sie?» Solche Fragen treiben ihn noch heute um, und Hendrikse hat inzwischen eine Antwort gefunden: Gott ist – wie die Liebe – ein «Ereignis», das sich nur zwischen Menschen abspielen kann. Hendrikse räumt auf mit Adjektiven, die Menschen über die Jahrhunderte für Gott (er)fanden: ewig, allmächtig, gütig. Und er räumt auch auf mit Begriffen wie «Vater», «Hirte», «Herr». Für Hendrikse sind das blosse Versuche der Menschen, etwas zu beschreiben, was ausserhalb ihrer Vorstellung ist.
Wie predigt er denn? Er stelle Fragen und versuche herauszufinden, was die Menschen beschäftige, sagt Hendrikse. Und wie spendet er Trost, etwa jenen, die an einen personalen Gott glauben? Hendrikse fragt zurück: «Glauben Sie wirklich, nur mit der Bibel in der Hand könne man Menschen trösten?» Er begegne trauernden Menschen einfach als «Klaas» und stelle ihnen Fragen, damit sie Antworten finden. An die Antworten anderer glaube er prinzipiell nicht: «Jeder muss seine Antworten selbst finden.»

Frei. Funktioniert dieses Prinzip auch mit Kindern? Kann man Buben und Mädchen einen derart intellektuellen Zugang zum Glauben zumuten? Hendrikse hat auch hier eine eigenwillige Haltung: Von Sokrates und Plato habe er gelernt, dass man einem Kind nicht von Gott erzählen soll, bevor es zwölfjährig sei. Das habe er auch mit seinen eigenen Kindern so gehalten. Geschichten erzählen, das sei sehr gut – aber kein Wort von Gott! Gott sei nur Ballast für ein Kind und müsse später mühsam wieder abgelegt werden. «Lasst Kinder frei aufwachsen. Sie hören nicht auf eure Worte, sie sehen nur eure Taten!» Also keine biblische Geschichten für die Kleinen? «Man kann sie schon erzählen», sagt Hendrikse, «aber lasst die Erklärungen aus dem Spiel!»
Als was sieht sich Hendrikse eigentlich? Als Reformer? Als Revoluzzer? Oder einfach als einer, der ausspricht, was andere nicht zu sagen wagen? «Ich bin ein freier Mann, der ein Buch geschrieben hat, das ganz viele Leute befreit», sagt er. Und ist er nicht auch ein wenig Provokateur? Natürlich, gibt Hendrikse freimütig zu: «Aber nicht, weil ich provozieren will, sondern weil ich mir Sorgen mache um die Kirche.» Rita Jost

Klaas Hendrikse, 64
ist in Groot-Ammers auf- gewachsen. Nach einem Wirtschaftsstudium und einigen Berufsjahren als Marketingfachmann studierte er Theologie. Seit 25 Jahren ist er Pfarrer. Sein Buch «Geloven in een God die niet bestaat», das 2007 in Holland für Furore sorgte, ist inzwischen auf Französisch übersetzt worden («Croire en un Dieu qui nexiste pas») und bei Labor et Fides, Genf, erschienen.

Pfarrer und Atheist: geht das?

Der holländische Pfarrer Klaas Hendrikse sagt von sich, er glaube nicht an Gott. Mehr noch: Er sagt, er könne nur glauben, weil er nicht an die Existenz Gottes glaube. Wie geht das? Wie verträgt sich sein (Un-)Glaube mit dem Pfarramt, der Bibel und den Bedürfnis- sen der Gläubigen? Und: Könnte einer wie Klaas Hendrikse auch in der Schweiz Pfarrer sein – in einer Zeit, in der sich die Reformierten überlegen, wieder ein Bekenntnis einzuführen? Auf Einladung von «reformiert.» und der «offenen kirche» kommt Pfarrer Klaas Hendrikse am
26. September in die Berner Heiliggeistkirche, präsentiert seine Thesen und stellt sich der Diskussion mit Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK). «Pfarrer und Atheist: Geht das?»

Diskutieren Sie mit – in der Heiliggeistkirche,
Podium: Montag, 26. September, 19.30, in der «offenen kirche» beim Bahnhof Bern (Heiliggeistkirche). Mit Klaas Hendrikse und Gottfried Locher. Moderation: Rita Jost