Erstellt: 24.09.2010
Das Böse
Dossier/Es gibt grosse Fragen zum Bösen: Was ist das Böse? Wie kommt es in den Menschen? Hat es ein Geschlecht? Aber es gibt auch kleine Fragen zum Bösen - ganz alltagsnahe: Hassen Sie jemanden? Tratschen Sie über andere Menschen? Und wie oft besuchen Sie Ihren alten Vater im Heim? «reformiert.» hat sie gestellt, die grossen und die kleinen - und sucht im Dossier nach Antworten: bei Fachleuten, aber auch bei den Leserinnen und Lesern.

Der Wolf ist bös - das Lamm ist lieb.
Porschebrettern ist böse - Velofahren ist gut.
Kiffen ist böse - Weintrinken ist gut.

Die Welt einteilen ist menschlich und alltäglich: schwarz und weiss, oben und unten, negativ und positiv – das macht unseren Alltag überblickbar und gibt Sicherheit. Wir tun es scheinbar objektiv. In Wahrheit ist es aber völlig subjektiv. Wir tun es von unserer persönlichen Warte aus, aus der Optik der Schafzüchter, der Velofahrer, der Weintrinker …

Was ist böse? Heerscharen von Philosophen, Psychologinnen und Theologen haben sich schon darüber den Kopf zerbrochen. Was bleibt also im «reformiert.»-Dossier noch zu sagen? Vielleicht das: Das Böse ist alltäglich. Es lauert überall. Manchmal offensichtlich, manchmal verdeckt. Hin und wieder tritt es auch verkleidet auf, aber es gehört zu uns. Je ehrlicher wir dies zugeben, desto besser bekommen wir es in den Griff.
Und dann können wir uns auch eingestehen, dass wir das Böse hin und wieder ganz faszinierend finden. Weil es vital ist. Viel vitaler als das Gute: dynamischer, interessanter, abstossender, polarisierender.

Destruktiv wird das Böse dort, wo es das Gute umdefiniert und unmöglich macht. Aber diese Formel lässt sich auch umkehren: «Das Gute – das steht fest – ist stets das Böse, das man lässt.» Im Sinn von Wilhelm Busch: Viel Spass beim Beantworten unseres unten stehenden Fragekatalogs! Rita Jost

36 FRAGEN ZUM BÖSEN

  • Haben Sie auch schon mal einen alten Schirm heimlich im Tram entsorgt?
  • Haben Sie schon einmal einen guten Bekannten verleugnet?
  • Haben Sie einen Vegetarier schon mal mit einem Schweinsbraten überrascht?
  • Wann wollten Sie Ihr Kind zum letzten Mal verschenken?
  • Wie oft besuchen Sie Ihren alten Vater (ausserhalb von Geburts- und hohen Feiertagen)?
  • Tratschen Sie über andere Menschen?
  • Wehren Sie sich, wenn über Abwesende schlecht geredet wird?
  • Sind Sie - als Linke oder Linker - manchmal heimlich froh um die restriktive Ausländerpolitik der Rechten?
  • Fühle Sie sich manchmal allen überlegen? Lassen Sie das die anderen spüren?
  • Haben Sie sich schon mal überlegt, die Rennmäuse Ihrer Kinder auszusetzen?
  • Haben Sie Ihr Kind wirklich nie geschlagen?
  • Sie haben einen verheirateten Arbeitskollegen mit seiner Sekretärin aus einem Hotel kommen sehen. Wem erzählen Sie das?
  • Hassen Sie jemanden?
  • Machen Sie den Kellner, der Ihnen aus Versehen eine Zwanzigernote zu viel herausgibt, auf sein Versehen aufmerksam?
  • Wie viele Geschenke haben Sie schon heimlich umgetauscht?
  • Verstehen Sie auch dann noch Englisch, wenn Sie in London von einem Obdachlosen um eine milde Gabe gebeten werden?
  • Können Sie verzeihen?
  • Beneiden Sie manchmal Menschen, die ganz selbstverständlich und offensichtlich gerne rücksichtslos sind?
  • Haben Sie sich schon dabei ertappt, jemandem den Tod zu wünschen?
  • Welchem Nachbarn möchten Sie Bambus in den Garten pflanzen?
  • Nehmen Sie das Telefon manchmal nicht ab, wenn Sie auf dem Display sehen, dass es ihre Mutter ist?
  • Finden oder fanden Sie Mao, Stalin oder die RAF irgendwann mal toll?
  • Was halten Sie vom bösen Wolf? Können Tiere überhaupt böse sein?
  • Apropos Wolf: Welchem Bauern wünschen Sie ihn in die Gegend?
  • Haben Sie sich auch schon diebisch gefreut, dass Sie für Ihren Chef einen derart träfen Übernahmen gefunden haben?
  • Essen Sie Fleisch?
  • Wenn Ja, Machen Sie einen Unterschied zwischen Kalb- und Rindfleisch?
  • In welche Gärten gehen Sie nachts mit Ihrem Hund Gassi?
  • Haben Sie beim Zerquetschen einer lästigen Fliege auch schon mal ein Triumphgefühl empfunden?
  • Erstellen Sie eine Rangliste des Bösen: Geiz, Stolz, Gier, Masslosigkeit, Neid, Rachsucht, Gleichgültigkeit.
  • Gehört Ehrgeiz auch in diese Reihe?
  • Wenn Sie Ihre täglichen kleinen Boshaftigkeiten abends zusammenzählen: ergibt das eher eine ein- oder eine zweistellige Zahl?
  • Juckt es Sie manchmal zu hupen, wenn Sie im Auto einen Reiter überholen?
  • Drängeln Sie an der Hotel-Réception vor, um beim Einchecken das Zimmer mit Seeblick zu erhalten?
  • Haben Sie auch schon gewünscht, Ihre kluge, gut aussehende, sportliche Nachbarin hätte wenigstens nicht auch noch Glück in der Liebe?
  • Haben Sie wirklich alle Fragen redlich beantwortet?