| Erstellt: 10.09.2010 | |
Die Schöpfung bewahren – das ist das Thema, für das sich Ruedi Waldvogel, Pfarrer in Osterfingen SH, schon lange engagiert. Auch beim Bauerngottesdienst im Juni auf dem Rossberg. Hier will die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) in den Opanlinuston-Schichten nach einem geeigneten Standort für ein Lager für schwach und mittel radioaktive Abfälle suchen. Nach den Worten des atomkritischen Pfarrers Waldvogel soll hier «das Giftigste gelagert werden, was wir der Schöpfung mit unserem Hunger nach Energie zumuten: Atommüll.»
Undemokratisch. Acht Kilometer Luftlinie vom Rossberg entfernt, in Benken, findet Pfarrerin Tünde Basler-Zsebesi ebenfalls harsche Worte, dass ausgerechnet in der «kleinräumigen und dicht besiedelten Gegend» um Benken die Nagra nach einem Standort für hoch radioaktiven Abfall sucht. Von der Kanzel aus, wie ihr Kollege Waldvogel, will sie hingegen die Nagra nicht angreifen. Vielleicht ist dies für Benken typisch: Massiver Widerstand gegenüber einem möglichen Tiefenlager für den hoch radioaktiven Abfall erwächst dort nicht. «Die meisten hier in Benken sind nach so vielen Jahren das Thema leid und haben resigniert», sagt die Pfarrerin.
Für Heini Glauser, Mitinitiator der politischen Abendgottesdienste in Zürich und früherer Greenpeace- Präsident, hat die Resignation auch einen Grund. «Das Verfahren der Nagra lässt keine echte Bürgerbeteiligung zu», sagt er. Denn 2005 entzog das neue Atomgesetz den Kantonen alle Entscheidungsrechte. Seither liegt bei der Standortfrage für ein geologisches Endlager der Ball ausschliesslich auf Bundesebene. Für Glauser ist klar: Ergebnisoffen werde erst nach einer Lösung gesucht, wenn die Schweiz aus der Atomenergie aussteige. «Gegenwärtig dient der Entsorgungsnachweis nur als Alibi, um neue Atommeiler zu ermöglichen.»
Dilemma. Ganz anders argumentiert die Erlenbacher Pfarrerin Gina Schibler in der Zeitschrift «Aufbruch». Im Zeichen des drohenden Klimawandels sieht sie in der CO2-armen Kernenergie das kleinere Übel. Den geringen Ausstoss von CO2-Emissionen lässt auch Otto Schäfer als einen Vorteil der Kernenergie gelten; er ist Ethiker beim Institut für Theologie und Ethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds. Trotzdem macht er sich für einen raschen Ausstieg aus der Kernenergie stark – auch wegen der problematischen Endlagerung des radioaktiven Abfalls. Die Spanne von einer Million Jahren – so lange dauert es, bis hoch aktiver Atommüll nicht mehr strahlt – sei ein ethisch nicht lösbares Dilemma. Weder könnte die gesellschaftliche Weiterentwicklung der Menschheit prognostiziert noch die geologischen Veränderungen der Erde in den Felsenlabors mit einer gewissen Präzision simuliert werden. Aus ethischer Sicht hält Schäfer es für bedenklich, die ungewissen Folgen der Endlagerung an künftige Generationen weiterzureichen, «ohne, dass diesen ein Nutzen daraus entsteht».
Phobie. Hier hakt Stefan Burkhard, Pfarrer aus Wettingen und Präsident der Arbeitsgruppe Christen und Energie, ein. Er schliesst nicht aus, dass «spätere Generationen auf den radioaktiven Abfall als wertvollen Rohstoff» zurückgreifen würden. Zudem sei die Debatte von Emotionen geprägt, die teilweise an «eine Phobie grenzen»: «Die Strahlenbelastung eines Tiefenlagers oder eines Kernkraftwerks wie Leibstadt liegt 1000 Mal tiefer als die natürliche Strahlung in vielen Gebieten Europas.» Delf Bucher






