| Erstellt: 10.09.2010 | |
Geduld, Geduld, sagen alle, die sich mit dem Umschwung beim Kirchgemeindehaus Enge befassen. Tatsächlich, während der grossen Sommerhitze sahen die Bepflanzungen dort eher karg und kümmerlich aus. Eine Entwicklung zu neuer Bescheidenheit? Nein, es geht vor allem um Natürlichkeit. Es geht um das, was gegenwärtig unter dem Stichwort «Biodiversität» propagiert wird.
Vielfalt. 2010 ist von der UNO zum Internationalen Jahr der Biodiversität bestimmt worden. Die Vielfalt und das Zusammenspiel von Pflanzen- und Tierarten sollen überall auf der Welt bewusst wahrgenommen, beschützt und gefördert werden. Dazu dienen ganz unterschiedliche Projekte – 10 000 hat sich die Umweltorganisation WWF allein für die Schweiz vorgenommen – auch ganz unscheinbare Unternehmen, zum Beispiel Laubhaufen in den Gärten als Unterkünfte für Igel und andere Tiere. Eines der grössten Projekte darunter ist diese Neugestaltung der kirchlichen Anlagen in der Enge.
Umdenken. Das Terrain hat seine Geschichte. Als das Zürcher Quartier Enge noch ein Dorf war, befand sich hier, an der heutigen Bederstrasse, ein Friedhof. 1924 wurde das Kirchgemeindehaus gebaut. Seine repräsentative Architektur entspricht jener der Kirche, die dreissig Jahre vorher ganz nah, aber oben auf dem Hügel errichtet worden war. Die Gräberfelder waren damals durch eine Rasenfläche ersetzt worden, umrahmt von Linden und Kastanienbäumen. Beim Vorplatz Rabatten mit Rhododendren und Liguster – eine gepflegte Anlage. Und jetzt das. Wie würden die Erbauer und Gestalter von damals die Umgebung des Kirchgemeindehauses wahrnehmen, wie sie sich heute zeigt? Mit Unmut und Unverständnis? Die Wiese – ungepflegt; den Hausmauern entlang: Unkraut! Die Beete beim Eingang: wenig einladend. Könnten die Verantwortlichen von damals gewonnen werden für heutige Einsichten und veränderte Schönheitskriterien?
Die Wiese. Für die Umgestaltung des Kirchenareals, die innerhalb mehrerer Jahre und in verschiedenen Etappen verwirklicht werden soll, haben sich der WWF Zürich und der Verband der Stadtzürcherischen evangelisch-reformierten Kirchgemeinden, der sogenannte Stadtverband, zusammengetan. Im letzten Frühling nahm eine für Naturgärten spezialisierte Gartenbaufirma die ersten Umgebungsarbeiten in Angriff: Die Rasennarbe wurde untergefräst und neu angesät beziehungsweise gepflanzt – eine Voraussetzung dafür, dass sich hier nun Wiesenblumen ansiedeln können – die Grosse Bibernelle, die Kuckuckslichtnelke oder die seltene Schachbrettblume. Damit sich die ehemals monotone Fläche zu einer solchen Magerwiese mausern kann, braucht es entsprechende Pflege – oder besser Nicht-Pflege: Die Wiese wird im Sommer nur noch zweimal gemäht. Gegenwärtig ist sie abgesperrt, aber wenn alles gelingt, wird sie in zwei Jahren nicht nur schön, sondern auch robust sein, im Frühling übersät von Blumen und nach dem Mähen Mitte oder Ende Juni ein Platz für Spiel und Geselligkeit.
Beete und Rabatten. In den Beeten im Eingangsbereich zum Kirchgemeindehaus blühen Bergaster, Wiesenglockenblume, Wilde Möhre und Roter Sonnenhut; in den Steinrabatten entlang der Westmauer sollen sich Pflanzen ansiedeln, die Wärme und Wetterschutz brauchen, Lavendel zum Beispiel oder Wegwarten. Alpenreben werden sich der Fassade entlang hochranken. Dass diese Pflanzen attraktiv sind, haben die Insekten schon längst gemerkt: Hummeln, Wildbienen, Schmetterlinge sammeln hier ihre Vorräte.
Planung. Damit die Menschen vom Nutzen der Umgestaltung überzeugt wurden, brauchte es einige Vorarbeit: Rolf Habegger, Kirchenpflegepräsident in der Enge, hat zusammen mit seinem Team die Mitglieder der Kirchgemeinde regelmässig über die Pläne informiert. Auch der WWF wirbt für das Projekt mit Beratungsangeboten und einer Broschüre. Ganz allgemein nehmen sich die Verantwortlichen die Mühe, bei jeder Gelegenheit die Vorteile einer nachhaltigen Gestaltung zu erklären – auch finanzielle Anreize: Auf die Länge sollen die Umgebungsarbeiten weniger aufwendig sein als bei konventionellen Anpflanzungen. Ein weiterer gewichtiger Pluspunkt war, dass das Projekt nicht von der Gemeinde selbst finanziert werden musste. Es ist ein Geschenk: Der Stadtverband offeriert es dem Quartier aus Anlass seines hundertjährigen Bestehens.
Herausforderungen. Martin Zollinger, der Finanzvorstand des Stadtverbands, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem WWF Zürich und der Gartenbaufirma. Ihre Fachleute werden in den kommenden zwei Jahren das Projekt weiter betreuen. Auch der Weg zur Kirche und ihr Umschwung werden mit einbezogen. Wie sich einheimische Pflanzen in die Anlage um die Kirche integrieren lassen, stellt wohl eine zusätzliche Herausforderung an die Gartengestalter dar. Denn die Bäume längs der grossen Treppe, die zur Kirche hinaufführt, wurden am Ende des 19. Jahrhunderts gemäss dem damaligen Geschmack gepflanzt: Mammutbaum, Zypressen, Ginko. Sie gehören zum architektonischen Ensemble der Kirche im Neo-Renaissance-Stil und sind darum teilweise geschützt.
Botschaft. Ob das ganze Unternehmen Biodiversität auch theologisch reflektiert wird? Rita Famos, Pfarrerin in der Enge, will nicht dieses eine Projekt in den Vordergrund stellen. Aber im September wird, wie in vielen anderen Schweizer Kirchen, ein Gottesdienst zur «Schöpfungszeit» stattfinden. Die gesamtkirchliche Stelle Oeku – Kirche und Umwelt schlägt dieses Jahr Biodiversität als Thema vor – Schöpfungsvielfalt im biblischen Sinne. Aber auch sonst streuen Rita Famos und ihr Kollege gerne und immer wieder «theologische Samenkörner» aus – und sind gespannt, was daraus wächst. Auch wenn sie wissen, dass Geduld gefragt ist und sich die Erfolge im Kleinen zeigen. Dafür ist die neue Anlage rund ums Kirchgemeindehaus ein gutes Lehrstück. Text: Käthi Koenig, Bilder: Reto Schlatter / zvg






