| Erstellt: 26.08.2010 19:25:20 | |
An der Tagung Paarimpuls zeigen Sie in einem Workshop, welche Joker es in Konflikten gibt. Worum geht es?
Bernhard Hochuli: Ich vergleiche eine Beziehung gern mit einem Kartenspiel. Erst werden die Karten verteilt, und dann gehts darum, Punkte zu holen. Nicht jeder hat gute Karten, manchmal passt nichts zusammen. Man wünscht sich einen Joker.
Ruth-Esther Dill: Joker können helfen, aus einer festgefahrenen Situation herauszukommen. Viele Paare geraten in Konflikte, in denen Kommunikation nicht mehr möglich ist. Ein typisches Beispiel ist die Zeit nach der Geburt eines Kindes: Es fällt neue Arbeit an, die häufig ungleichmässig verteilt ist. Beide Partner fühlen sich vom anderen nicht gewürdigt oder haben das Gefühl, der andere mache zu wenig. Da wäre es schön, man könnte einen Joker zücken und die Situation verbessern.
Was wäre das konkret?
Hochuli: Zum Beispiel das Wissen, dass unter Stress die Fähigkeit zu Kommunikation und Empathie stark sinkt und man kaum eine konstruktive Lösung findet. Das kann die Sichtweise auf mein eigenes Verhalten und auf das meines Partners wesentlich verändern.
Damit habe ich aber noch nicht die Wurzel des Übels angepackt.
Dill: Das ist richtig, es wäre ja auch erst der erste Joker, der das Feuer löscht. Viele Konflikte entstehen nicht von heute auf morgen, sondern wachsen langsam heran und werden schlimmer. Wir versuchen mit den Paaren, die zu uns in die Beratung kommen, Schritt für Schritt die Beziehung zu verbessern.
Eine Beratung oder Therapie sehen viele Paare als letzten Ausweg. Ist es dann nicht oft zu spät?
Dill: Es wäre sicher einfacher, wenn Paare früher kämen. Dann, wenn sich Konflikte wiederholen und die Beziehung zusehends belasten.
Hochuli: Mir gefällt die Sichtweise nicht, dass es dann zu spät ist. Hauptsache, ein Paar will handeln. Dass es Menschen schwerfällt, Hilfe zu holen, hängt unter anderem mit dem hohen Stellenwert von Autonomie zusammen. Hilfe zu beanspruchen, ist eine Fähigkeit. Die Balance zwischen Bezogenheit und Autonomie zu finden, ist nicht einfach.
Die Paartherapien nehmen zu. Sind die Leute beziehungsunfähiger geworden?
Dill: Ich denke eher, dass die Anforderungen an ein Paar gestiegen sind. Früher ging es in erster Linie darum, die Existenz zu sichern. Man heiratete innerhalb derselben Schicht, Trennungen waren verpönt, und die Rollen für Frau und Mann verteilt. Heute gibt es viel grössere Unterschiede zwischen den Lebensweisen. Es entstehen Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern mit total unterschiedlichen Werdegängen. Damit einher gehen unterschiedliche Erwartungen.
Hochuli: Und trotzdem glauben viele, dass man beim richtigen Partner so bleiben kann, wie man ist, also sich nicht anpassen und nichts lernen muss. Sie erwarten gleichgesinnte Harmonie. Diese Vorstellungen werden durch die romantische Darstellung von Beziehungen in den Medien noch bestärkt. Leider haben sie wenig mit dem alltäglichen Beziehungsleben zu tun.
Etwas provokant gefragt: Wozu soll man bei einem Menschen bleiben, der einem vor allem auf die Nerven geht?
Hochuli: Die Frage ist berechtigt. Der Mensch ist nicht monogam veranlagt, warum sollte er da nicht weiterziehen? Ich meine, dass das Leben eine Möglichkeit für Entwicklung ist, und die geschieht nur in Beziehung zu anderen. Wer immer die Zelte abbricht, wenns unangenehm wird, gerät mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder an den gleichen Punkt. Wer sich Konflikten stellt, kann daraus lernen und wachsen. Damit einher geht leider der Verzicht auf all die anziehenden Frauen und Männer, die es da draussen noch gibt.
Trotzdem: Versucht man in der Paartherapie nicht mit allen Mitteln, eine Trennung zu verhindern?
Dill: Manchmal spüren wir, dass ein Klient den Entscheid bereits getroffen hat. Dann stellt sich die Frage, ob er rückgängig gemacht werden kann. Das muss nicht um jeden Preis sein.
Hochuli: Bei schweren seelischen Verletzungen ist es schwierig, das Band, das ein Paar zusammenhält, wieder herzustellen. Man kann sich noch so lieben: Wenn das Band zerreisst, nützt die Liebe nichts. Umgekehrt kann die Liebe schwächer werden, das Band aber stark bleiben und Paare zusammenhalten.
Kinder sind so ein Band. «Wir bleiben wegen den Kindern zusammen», hört man bisweilen.
Hochuli: Das hört sich zu Recht negativ an, wenn damit die Verantwortung fürs eigene Handeln auf die Kinder abgeschoben wird. Der bewusste Verzicht auf Anteile der Paarbeziehung zugunsten der Familie scheint mir berechtigt, wenn beide Partner sich weiterhin achten. Zumindest auf Zeit.
Welche anderen Bänder gibt es?
Dill: Zum Beispiel gemeinsame Projekte: ein Bauernhof, ein Geschäft oder auch gemeinsames Interesse sowie eine bestimmte gelebte Religiosität. Es muss auf jeden Fall Sinn stiften.
Hochuli: Ein Paar kann sich auf längere Zeit nicht genügen. Es braucht einen gemeinsamen Bezugspunkt, bei dem man sich Seite an Seite verbunden fühlt. Anouk Holthuizen
Tagung für Paare
Ruth-Esther Dill und Bernhard Hochuli arbeiten als Therapeuten in der Paarberatung Winterthur. Sie geben einen der acht Workshops am Paarimpulstag vom 18. September in Winterthur. Paarimpuls ist der Zusammenschluss von Paar- und Familientherapeuten der öffentlichen kirchlichen Paarberatungsstellen des Kantons Zürich.
www.paarimpuls.ch






