Erstellt: 27.08.2010
Klostergärten – vom Glanz des Paradieses
Gartenkultur/ Wie eng Garten und Glaube miteinander verbunden sind, zeigt eine Ausstellung in der St. Galler Stiftsbibliothek.

In der Bibel nimmt die Menschheitsgeschichte im Garten Eden ihren An- fang. Vor allem Mönche und Nonnen waren es, die im Mittelalter mit ihren Klostergärten die Erinnerung ans verlorene Paradies wachhielten. In einer Sonderausstellung zu Heilkräutern und Klostergärten in der St. Galler Stiftsbibliothek – die noch bis zum 7. November dauert – zeigt sich das schon in der ersten Schauvitrine mit dem St. Galler Klosterplan. In diesem berühmten Dokument aus dem 9. Jahrhundert kommt zum Ausdruck, welch grosse Bedeutung der Gartenbau damals für die Klöster hatte.

Garten spirituell. Überraschend ist dies keineswegs. Bereits der Ordensgründer Benedikt hat eine seiner Regeln dem Anlegen des Klostergartens gewidmet. Überraschend ist dagegen, dass im Klosterplan die Obstbäume direkt auf dem Friedhof eingezeichnet sind. Was zeigt: In der Welt des Mittelalters war das Heilsgeschehen noch zeichenhaft im Alltag präsent – die Apfelbäume erinnern an den Baum der Erkenntnis. So halten die Obstbäume den Gläubigen zweierlei vor Augen: die Vergänglichkeit, die durch die Erbsünde in die Welt gekommen ist, und die Hoffnung auf die Auferstehung am Jüngsten Tag. Auch die Heilkräuter im Klostergarten haben einen religiösen Bezug: Mit dem Heilen standen Mönche in der Nachfolge Jesu.

Garten als Machtsymbol. Einige Vitrinen und damit einige Jahrhunderte weiter zeigt sich: Gartenanlagen dienen längst nicht mehr nur der Menschenliebe, sondern auch der Machtentfaltung. Der Barockgarten ist ein Beispiel dafür, wie sich die Natur dem Willen der St. Galler Fürstäbte zu beugen hatte. Raffi- nesse war angesagt – Alleen, Labyrinthe aus Spalierbäumen, mittendrin ein Lusthäuschen, dominierten die Gartenkultur. Immer neue Exoten sollten den Garten bereichern – so wuchsen schon um 1770 im Kloster Marienberg oberhalb des Bodensees, einer Dépendance der sanktgallischen Fürstabtei, Erdbeeren mit «baumnussgrossen Früchten». Der Pater Honoratus Peyer im Hof notierte damals in seinem Tagebuch, wie die holländischen Erdbeeren – von «ausserordentlich liebreichem Geschmack» – zu pflanzen seien.

Botanischer Garten. Heute ist im Kloster St. Gallen nichts mehr von jener Gartenkultur zu sehen. Aber wer nach einem Rundgang durch die Ausstellung in der Stiftsbibliothek noch Lust auf Grün hat, kann im Botanischen Garten von St. Gallen spazieren. Hier sind alle im St. Galler Klosterplan erwähnten Pflanzen speziell markiert. Delf Bucher

Heil aus dem Klostergarten
Die Vertreibung aus dem Garten Eden ist in der handkolorierten Kolberg-Bibel von 1483 dargestellt. Nach dem Sündenfall zeigen heilbringende Klostergärten auf der Erde einen Abglanz vom Paradies.

Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist täglich geöffnet. www.stiftsbibliothek.ch.