Duisburger Notfallseelsorgende auf dem Weg zum Trauergottesdienst (Bild: Keystone)
Duisburger Notfallseelsorgende auf dem Weg zum Trauergottesdienst (Bild: Keystone)
Erstellt: 27.08.2010
Beistand im Chaos
Seelsorge/ Nach der Massenpanik in Duisburg leisteten Pfarrerinnen und Pfarrer wichtige Dienste. Wie steht es um die Notfallseelsorge in Zürich?

Fünfzehn Notfallseelsorger und -seelsorgerinnen waren von Anfang an in Duisburg mit dabei. Sie wollten die Loveparade als Übungstag nutzen. Nach der Katastrophe leisteten schliesslich fünfzig Pfarrerinnen und Pfarrer zusammen mit ebenso vielen Kollegen von Polizei und Rettungsdiensten an provisorisch eingerichteten Betreuungsplätzen psychosoziale Erste Hilfe. «Zunächst war die Situation für uns völlig unübersichtlich», sagt Joachim Müller-Lange, Landespfarrer für Notfallseelsorge und Leiter des Einsatzes in Duisburg. Er fordert jetzt, dass die Notfallseelsorge fester Bestandteil bei der Planung von Grossereignissen sein müsse. «Ich wünsche mir, dass wir ohne Wenn und Aber in den Katastrophenschutz integriert werden.»

Viele Hilfsangebote. Laut «Schutz und DuRettung Zürich» käme bei einem grösseren Vorfall, zum Beispiel an der Streetparade, als Erstes das eigene Betreuungsteam zum Einsatz. Es besteht aus Psychologen, Psychiatern, Pflegepersonal und Seelsorgern, die Zivilschutz leisten. Wenn dies nicht ausreiche, würden externe Kräfte beigezogen, zum Beispiel das kirchliche Notfallseelsorgenetz und die psychologischen Hilfsorganisationen, mit denen die Kantonspolizei zusammenarbeitet. In die Planung für die Streetparade waren diese allerdings nicht involviert. Ganz anders bei der Euro 08. Dort waren die Notfallseelsorger und -seelsorgerinnen der Landeskirchen, die eine spezielle Ausbildung in psychologischer Nothilfe mitbringen, von Anfang an an den Vorbereitungssitzungen der Einsatzkräfte vertreten.

Mehr Koordination. Jürg Wichser, Pfarrer und Gesamtleiter der kirchlichen Notfallseelsorge im Kanton Zürich, würde einen engeren Einbezug im Vorfeld von Grossveranstaltungen begrüssen. «Alle nötigen Angebote für psychosoziale Nothilfe sind vorhanden, sie müssen nur klar koordiniert werden», sagt er. Ein vom Regierungsrat in Auftrag gegebenes Konzept für die Zusammenarbeit aller Akteure bei Grossereignissen sei jedoch in Arbeit. Vor fünf Jahren hat die reformierte Landeskirche ein Notfallseelsorgenetz im ganzen Kanton aufgebaut, in dem auch die katholische Seite mitwirkt und das in sieben Regionen aufgeteilt ist. 150 Personen, mehrheitlich Gemeindepfarrer und -pfarrerinnen, gehören dazu. In jeder Region ist immer jemand auf Pikett und per Pager erreichbar. Bei traumatisierenden Ereignissen im Alltag kommen die Pfarrerinnen und Pfarrer häufig zum Einsatz. Die Notfallseelsorgenden wurden im letzten Jahr 126-mal von den Blaulichtorganisationen zu Hilfe gerufen. Meistens handelte es sich dabei um Todesfälle durch Unfälle, häusliche Gewalt oder Suizid, und es galt, den Angehörigen beizustehen, bis das soziale Netz oder eine weiter gehende fachliche Hilfe greifen konnten.

Gemeinsame Ausbildung.
In Bern ist die Notfallseelsorge integraler Bestandteil der Einsatzkräfte. 71 Pfarrerinnen und Pfarrer gehören zusammen mit Fachleuten aus Medizin, Psychologie und Pflege sowie Helfern und Helferinnen aus anderen Berufen zum 179-köpfigen Care Team Kanton Bern. Immer zwei Teammitglieder sind während jeweils einer Woche bei der Sanitätsnotrufzentrale Nr. 144 stationiert. Die Zürcher Notfallseelsorgenden absolvieren ihre theoretische Ausbildung in psychologischer Nothilfe in Bern, während sie den praktischen Teil bei den heimischen Blaulichtorganisationen leisten. «Auch nach der Ausbildung sollte man regelmässig mit den Rettungsdiensten mitfahren», sagt Pfarrer Bernhard Stähli, Ausbildungsverantwortlicher und Koordinator des Berner Care Teams. «Übung macht den Meister und hilft in ausserordentlichen Lagen, die Ruhe und den Überblick zu bewahren.» Christa Amstutz