Gottfried Locher, ab 2011 SEK-Ratspräsident, diskutiert am Podium mit  (Bild: Hannes Thalmann)
Gottfried Locher, ab 2011 SEK-Ratspräsident, diskutiert am Podium mit (Bild: Hannes Thalmann)
Erstellt: 27.08.2010
«Ich glaube … ich trete aus»
Podium/ Den Kirchen laufen die Mitglieder davon. Was tun? «reformiert.» lädt am 15. September zu einer Podiumsdiskussion ein, unter anderem mit dem zukünftigen SEK-Ratspräsidenten Gottfried Locher

Die Landeskirchen haben einen schweren Stand: War ein Kirchenaustritt bis vor fünfzig Jahren noch praktisch undenkbar und später Protestakt Einzelner, ist heute schon fast exotisch, wer fraglos drinbleibt. Die Einstellung der Gesellschaft zur Kirche hat sich in wenigen Jahren dramatisch gewandelt.

Analyse. Eine Studie des Religionssoziologen Jürg Stolz von der Universität Lausanne prognostiziert, dass bis zur Jahrhundertmitte nur noch jeder Fünfte reformiert sein wird (vgl. «reformiert.» 4/10). Von den Achtzehn- bis Vierzigjährigen bleibe fast nur noch dabei, so Stolz, wer durch ein positives Erlebnis oder via Eltern kirchlich geprägt worden sei. Und das sind offenbar immer weniger – obwohl die Medien gleichzeitig von einer Renaissance der Religion sprechen.

Widerspruch. Allerdings: Parallel zum Boom der (individuellen) Religiosität stellt die Forschung auch einen wachsenden Egoismus und schwindende Solidarität fest. Die Frage einer Kirchenmitgliedschaft wird von immer mehr Leuten nach puren Kosten-Nutzen-Kriterien beurteilt. Finanzberater raten unverhohlen zum Kirchenaustritt und rechnen vor, wie viele Franken Kirchensteuern ein Konfessionsloser jedes Jahr spart, und im Internet gibts für 99 Franken Austrittsformulare (obwohl ein Kirchenaustritt gratis ist!).
Dass dieselben Leute, die wegen ein paar hundert Franken aus der Kirche ausgetreten sind, ihre Kinder in die Spielgruppe ins Kirchgemeindehaus bringen, ihre Teenies mit den kirchlichen Jugendarbeiterinnen ins Sommerlager schicken und im Alter den kirchlichen Besuchsdienst (und vielleicht dereinst sogar die kirchliche Bestattung) beanspruchen, das gehört zu den wenig hinterfragten Widersprüchen der modernen Gesellschaft.

Diskussion.
Die Kirchen haben diesen Trend jahrelang hingenommen. Wer austritt, kann sich darauf verlassen, dass seine Daten in den Kirchenkarteien gelöscht werden. Meist wird vonseiten der Kirchgemeinde auch nicht gross nach den Austrittsgründen geforscht.

Doch die grundsätzlichen Fragen bleiben: Was ist los mit einer Gesellschaft, die sich zunehmend entsolidarisiert? Wer leidet, wenn den Kirchen mit den Mitgliedern auch die Mittel abhandenkommen? Welche Strategien entwickeln die Kirchen, um der Austrittswelle zu begegnen? Diese Fragen will «reformiert.» diskutieren: mit Kirchenverantwortlichen, aber vor allem mit Ausgetretenen und Dringeblieben. Mit Ihnen also.
Rita Jost

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Podium

Die Kirchenaustritte häufen sich. Warum? Am öffentlichen Podium «Ich glaube … ich trete aus» diskutieren Fachleute mit Dringebliebenen und Ausgetretenen:

Dr. Gottfried Locher
Synodalrat der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, ab 2011 Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK)

Prof. Thomas Schlag
Leiter des neuen Instituts für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich

Pfarrerin Rosa Grädel
Kirchgemeinde Nydegg

Moderation Rita Jost und Martin Lehmann, Redaktion «reformiert.»

Mittwoch, 15. September, 19.30, in der Nydeggkirche Bern (Bus Nr. 12, Richtung Paul-Klee- Zentrum, Station «Nydegg»)