| Erstellt: 27.08.2010 | |
Vreni Merz, gerne würde ich meiner fünfjährigen Tochter von Nächstenliebe, Vertrauen und Versöhnung erzählen, sie aber wünscht sich biblische Gruselgeschichten, will hören, wie Kain seinen Bruder erschlug und wie die Dornenkrone Jesus den Kopf zerkratzte. Warum faszinieren ausgerechnet diese Geschichten sie so?
Ihre Tochter ist offensichtlich gerade daran, die «gruslige» Seite des Lebens zu entdecken und sich damit auseinanderzusetzen. Wie gut, dass auch die Bibel dazu etwas zu bieten hat – und zwar anschaulich und eindrücklich! Das Besondere daran: Die Bibel lässt es nicht dabei bewenden, von Dunkelheit, Schmerz und Schrecken zu berichten. In all ihren Texten steckt die Botschaft, dass ein Gott hinter den Menschen steht, der es gut meint mit ihnen, auch wenn es noch so wirr zu und her geht auf der Welt. Jedenfalls wird Ihre Tochter Wertvolles für ihr Leben lernen, wenn Sie ihr nicht nur die «schönen» biblischen Geschichten erzählen!
Ob Schneewittchen, Papa Moll oder die Kreuzigung: Zu Hause erzähle ich mich durch den ganzen Kindergeschichtendschungel. Fragt dann meine Tochter im Bus «Mama, warum hatte Jesus nur ein Tuch an, als er starb?», wäre mir viel lieber, sie hätte nach den sieben Zwergen gefragt. Warum ist es so peinlich, mit Kindern öffentlich über biblische Geschich- ten zu sprechen?
Peinlich ist es nur für uns Erwachsene – nicht für die Kinder! Sie sind in dieser Hinsicht gänzlich unbeschwert und fragen, was sie wissen möchten, wann und wo auch immer. Warum haben wir Erwachsenen Mühe damit, die Bibel «öffentlich» zu erwähnen und auch dann darüber zu sprechen, wenn andere mithören könnten? Klar, wir möchten nicht als frömmlerisch gelten, doch wäre das wirklich so? Ich denke, es ist in unserer Gesellschaft diesbezüglich schon viel besser geworden, als es noch vor Kurzem war: Religiöse Themen sind salonfähiger geworden und dürften es noch mehr werden!
Beim Erzählen überfordert mich die Komplexität von Kreuzigungs- und Auferstehungsgeschichte. Meine Tochter aber findet daran nichts Besonderes. Warum ist ihr oft gerade das für mich komplett Unverständliche so klar?
Es ist eine interessante Feststellung, dass Kinder manches leichter erfassen als wir Erwachsene. Sie reagieren spontan auf das, was ihnen entgegenkommt. In der Regel kennen sie keine vornehme Zurückhaltung, wenn es um komplexe Themen geht. Unbeschwert gehen sie damit um. Sie staunen, erschrecken oder lachen, wenn sie mit «grossen Dingen» konfrontiert werden. Und oft ist ihre Reaktion voll von jener Klugheit und Klarheit, die uns im Verlauf der Jahre abhandengekommen ist. Zu vieles haben wir bereits angehäuft in unseren Köpfen, Theorien, die uns oft im Wege stehen, um etwas Existenzielles an uns herankommen zu lassen. Was tun? Von den Kindern lernen!
Zum einen erkläre ich meiner Tochter, dass Gott als Lebenshauch in allen und allem ist, im Stein genauso wie in der Katze, zum anderen verwende ich das Bild von «Gott im Himmel». Im Gebet wiederum bezeichne ich Gott oft als Mutter oder Vater. Verwirre ich so mein Kind?
O nein! Genau das ist wichtig, Gott in unterschiedlichen Bildern und Me- taphern zu nennen. Bloss nichts fixieren und ja nicht versuchen, Gott zu definieren und dadurch in den Griff zu bekommen. Es wäre genau das, was uns zu Recht geboten ist: Du sollst dir kein Bildnis machen! Gott ist Vater und Mutter, er ist im Himmel und auf Erden, er ist immer und überall. Das Unfassbare muss unfassbar bleiben, das Unsagbare unsagbar. Das soll aber nicht heissen, dass wir deswegen aufhören sollen, über Gott zu sprechen. Ganz im Gegenteil! Unsere Religiosität besteht genau darin, unsere menschliche Begrenzung auszuloten und aufzuspüren, wie gross das Göttliche ist. Es sprengt unser Denken und Sprechen. Statt den Kindern «richtige Worte» zu sagen, die es gar nicht gibt, können wir zusammen mit ihnen eben dieses Stammeln üben – das Suchen, Abwägen, letztlich das Ahnen von etwas Unfassbarem, Unsagbarem.
Wenn meine Tochter fragt, wohin die Seelen der Menschen kommen, nachdem sie gestorben sind, habe ich verschiedene Möglichkeiten zu antworten. Sage ich «in den Himmel», vermittle ich ihr ein schönes Bild. Antworte ich mit «ich weiss es nicht», bin ich ehrlich. Wonach soll ich mich richten?
Es gibt eine wunderbare pädagogische Regel, die wir beherzigen sollten, wenn es um religiöse Erziehung geht: Mehr fragen als sagen! Nicht so sehr das, was wir als Erwachsene vermuten, glauben oder wissen, ist für das Kind entscheidend, sondern dass wir ihm helfen, eigene Vorstellungen zu entwickeln.
Es ist für eine gesunde spirituelle Entwicklung unglaublich wichtig, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen, seine inneren Bilder zu aktivieren und uns von ihm erzählen zu lassen, was es denkt und meint. Unser Interesse an seinen Aussagen bestärkt es darin, weiter zu denken und weiter zu fragen, im Idealfall ein Leben lang. So kommt es, dass sich seine Vorstellungen mit zunehmendem Alter ganz gewaltig verändern, und dass es auch in religiöser Hinsicht zu einer gewissen Reife kommt. Es gilt also, zusammen mit den Kindern darüber zu philosophieren, wo die Menschen nach dem Tod sein könnten. Das kann auch für uns Erwachsene lustvoll und spannend sein.
Interview: Annegret Ruoff
Vreni Merz
hat mehrere religiöse und besinnliche Bücher für Erwachsene und Kinder verfasst, darunter auch biblische Geschichten für Kinder. Die zweifa- che Mutter ist ausser- dem als Religionspädagogin und Super- visorin in der Ausbildung und Fortbildung von Erziehenden und Lehrkräften tätig. Vreni Merz wohnt in Steinen SZ.
www.vrenimerz.ch
Im Rahmen der Ausstellung «Kinderbibeln», die am 2./3. und 6.–8. September im Bullingerhaus, Jurastrasse 13, in Aarau gezeigt wird, hält Vreni Merz einen Vortrag über den mutmachenden Umgang mit biblischen Geschichten.
2. September, 19.30 Uhr, Bullingerhaus Aarau. Infos: www.bibelgesellschaft-ag-so.ch









