Müssen oft als Sündenböcke für allerlei Misstände herhalten: Fahrende (Bild: Standplatz in Versoix) (Bild: Keystone)
Müssen oft als Sündenböcke für allerlei Misstände herhalten: Fahrende (Bild: Standplatz in Versoix) (Bild: Keystone)
Erstellt: 27.08.2010
Jenische in der Vorurteilsfalle
Fahrende/ Das schlechte Image der Roma trifft alle Fahrenden – und blockiert Stellplatzprojekte in der Schweiz.

Europa hasst die Zigeuner, der Osten sowieso: 1999 werden in der tschechischen Stadt Usti Mauern errichtet, um die Roma zu gettoisieren. In Rumänien und Bulgarien werden gemäss Unicef-Bericht (2007) weniger als sieben Prozent der Roma-Kinder eingeschult. Und in Ungarn findet 2009 eine Serie von rassistisch motivierten Morden an Roma statt.
Aber auch in Westeuropa müssen die Fahrenden derzeit wieder einmal als Sündenböcke für alle möglichen Missstände herhalten. In Frankreich schürt Staatspräsident Nicolas Sarkozy bewusst Ressentiments gegen die Zigeuner und lässt mit martialischen Begleitgeräuschen Roma-Lager räumen. Französische Nichtregierungsorganisationen, aber auch die Kirchen, verurteilen das gefährliche Spiel: Die evangelische Kirche Frankreichs etwa weist nüchtern auf die Gesetzeslage hin: Nach dieser müsste jede Gemeinde mit mehr als 5000 Einwohnern Stellplätze für die Fahrenden bereitstellen.

Zu klein. Die Forderung nach mehr Stellplätzen führt in ganz Europa zu Konflikten – zwischen den Sesshaften und der kleinen Minderheit der Fahrenden. Auch in der Schweiz. Seit Jahren kämpft die Jenischenorganisation «Radgenossenschaft» für mehr Stellplätze. Tatsächlich wird es für die 2500 Schweizer Jenischen, die reisen – die Mehrheit der rund 35 000 Menschen zählenden Volksgruppe ist längst sesshaft geworden –, eng. Für sie steht auf den hiesigen Stand- und Durchgangsplätzen eine Fläche von gerade mal 25 Fussballfeldern bereit. Bereits 2006 hielt eine Studie des Bundesrats fest, dass zu den rund fünfzig bestehenden 38 zusätzliche Durchgangsplätze für Schweizer Fahrende sowie zehn grosse Durchgangsplätze mit 35 bis 50 Stellplätzen für ausländische Fahrende fehlten.
May Bittel, Jenischensprecher der «Radgenossenschaft» in der Westschweiz und Pastor der Zigeunermission, sagt denn auch: «Die konsequente Verweigerung von Stellplätzen erhöht bei uns den Druck zur Sesshaftigkeit.» Dabei hat er 2003 vor dem Bundesgericht einen folgenreichen Entscheid erstritten: Der Staat müsse es den Fahrenden ermöglichen, ihre nomadische Lebensweise beibehalten zu können, urteilten die Richter in Lausanne. Dieses minderheitenfreundliche Urteil scheitere aber an den politischen Realitäten in den Kantonen und Gemeinden, sagt Bittel.

Zu simpel.
Erst jüngst wurde im Kanton St. Gallen ein Konzept für vier Durchgangsplätze und einen Transitplatz für ausländische Fahrende im Kan- tonsparlament bachab geschickt. Ausschlag gab die Drohung der SVP, die Regierungsvorlage für neue Plätze mit einem Referendum zu bekämpfen. Bei solchen Entscheiden schwingen nach Ansicht des Jenischenpastors immer Schlagzeilen von bettelnden Roma- Kindern oder rumänischen Diebesbanden mit: «Das ist die Krux der Schweizer Fahrenden: Wir werden alle in einen Topf geworfen», sagt Bittel frustriert. In der Schweiz lebten rund 30 000 sesshafte Roma und gut ebenso viele sesshafte Jenische (vgl. Kasten «Fahrende») ganz unten) – aber die einen wie die anderen würden gern im selben Atemzug genannt wie Asylbewerber, Sans-Papiers oder Roma, die aus Armut aus Osteuropa migriert seien. Und wenn Bittel auch immer die gemeinsame Verfolgungsgeschichte aller europäischen Fahrenden mit den Hunderttausenden Ermordeten im Holocaust im Bewusstsein halten will, sagt er doch: «Es ist wichtig, diese Unterschiede zu sehen.»

Zu komplex. Auch Paul Fink, Vertreter des Bundesamts für Kultur, sieht in der fehlenden Kenntnis über die Lebensweise der Jenischen die Ursache, dass die Schweiz immer noch so wenig Stellplätze hat: «Die sesshafte Bevölkerung macht sich kein rechtes Bild von den Schweizer Fahrenden. Das sind Menschen, die Militärdienst leisten, Steuern zahlen und deren Kinder zumindest im Winter die Schule besuchen.» Er macht aber auch darauf aufmerksam, dass initiative Politiker etwas erreichen könnten – und verweist auf Christian Theus, den Gemeindepräsidenten von Bonaduz, wo die Jenischen bereits vor Jahren einen Durchgangsplatz bekommen haben.
Die nächste Abstimmung über einen Durchgangsplatz steht am 26. September in Ibach SZ an. Auf der Webseite des örtlichen Schiessvereins läuft dazu eine Umfrage («Soll im Schachen ein Durchgangsplatz für Fahrende errichtet werden?»), zudem wird auf den Artikel «Ziehen Roma-Clans nun in die Schweiz?» der Zeitung «20 Minuten» vom 2. August verwiesen: Darin ist zu lesen, die Schweiz sei möglicherweise just wegen der geringen Zahl von Stellplätzen für Fahrende unattraktiv und darum im Unterschied zu anderen Ländern bislang nicht von Roma überrollt worden. – Fazit: Bis in die Siebzigerjahre wies die Schweiz sämtliche Roma an der Grenze ab. Heute gewährt sie ihnen zwar Zutritt, aber keinen Platz. Delf Bucher

Fahrende
Roma ist der Oberbegriff für eine ursprünglich aus Indien stammende Volksgruppe. In Europa leben 12 bis 15 Millionen Roma, in der Schweiz ungefähr 30 000. Die meisten Roma sind sesshaft und integriert.
Jenische sind europäischen Ursprungs mit eigener Sprache und Kultur. Nur 2500 der 35 000 Schweizer Jenischen sind fahrend und in Gruppen von maximal zehn Wagen unterwegs, während Roma oft mit Konvois von gegen fünfzig Wohnwagen herumziehen.