| Erstellt: 27.08.2010 | |
Im Theologisch-Diakonischen Seminar (TDS) in Aarau ist es still, noch sind Sommerferien. Nur in der Bibliothek im zweiten Stock raschelt Papier. Einige Studenten sind in ihre Bücher vertieft, darunter Tabea Tanner, die an ihrer Diplomarbeit schreibt. Die Studentin sucht gerade nach Bibelstellen, die einen Bezug zum Thema Leistung haben. «Der Leistungsdruck in der Gesellschaft nimmt ständig zu», sagt sie beim Gespräch in der Cafeteria. «Vor Gott muss der Mensch aber nichts beweisen. Er liebt ihn, wie er ist.» Die 24-Jährige möchte mittels einer Umfrage herausfinden, ob der Leistungsgedanke die Arbeit von Mitarbeitenden in Kirchgemeinden prägt und so den Glauben an Gottes Gnade untergräbt.
Ausbildung. Das TDS feiert dieses Jahr sein fünfzigjähriges Bestehen. Rund 600 Frauen und Männer aus der Deutschschweiz haben hier seit der Gründung der ehemaligen Schweizerischen Evangelischen Bibelschule eine sozialdiakonische Ausbildung absolviert. Wer dies wie Tabea Tanner vollzeitlich tut, benötigt dazu vier Jahre und kann danach in unterschiedlichsten Funktionen tätig sein: als Sozialdiakonin, Katechet, Jugend- arbeiterin, Gemeindehelfer in der evangelisch-reformierten Kirche oder anderen Organisationen, in evangelischen Freikirchen zudem als Missionar, Pastor oder Prediger. Zurzeit sind Bemühungen um die staatliche Anerkennung des Diploms in Gang, damit die Studienabgänger bessere Chancen im säkularen Arbeitsmarkt haben.
Mittelweg. Für Tabea Tanner ist die TDS-Ausbildung die ideale Verbindung von Interessen und Werten. Sie erzählt: «Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen, und Gott spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben.» Obwohl sie sich sehr für theologische Themen interessiere, sei ein Theologiestudium nicht infrage gekommen. «Ich wollte immer schon im sozialen Bereich arbeiten.» Sie habe auch über die «klassische» Sozialarbeiterausbildung nachgedacht und die Aufnahmeprüfung gemacht. Doch ein Punkt sei für sie «eine zu grosse Herausforderung» gewesen: «Ich hätte meine Religiosität unterdrücken müssen.» Bei der Aufnahmeprüfung zum Beispiel musste sie sich zum Thema Abtreibung äussern. «Da will ich doch sagen können, dass ich glaube, dass jeder Mensch von Gott gewollt ist.» Weil ihr Gott auch im Beruf wichtig ist, möchte sie Menschen auf ihrem Glaubensweg begleiten. «Ich will aber niemandem meinen Glauben aufzwingen!», betont sie. Im Gegenteil: «Hier im Seminar habe ich eine viel grössere Offenheit für Andersdenke erlangt.» In den Diskussionen kämen unterschiedlichste Ansichten zutage. Das schätze sie, und es habe ihre Toleranz gefördert.
Zukunft. Die Tatsache, dass immer mehr Menschen aus der reformierten Kirche austreten und dass dies ihre Berufschancen schmälern könnte, betrachtet Tabea Tanner mit Gelassenheit. «Der Glaube wird nicht aussterben. Aber wir müssen uns überlegen, wie wir mit den Austritten umgehen. Ich möchte mithelfen, eine Lösung zu finden.»
Anouk Holthuizen
50 Jahre
TDSAm 4. September feiert das Theologisch- Diakonische Seminar in Aarau sein fünfzigjähriges Bestehen. Die Höhere Fachschule für Kirche, Diakonie und Mission, deren Trägerverein Mitglieder aus evangelischen Landes- und Freikirchen umfasst, bildet Aus- und Weiterbildungen an. So auch die vierjährige Diplomausbildung in Sozialdiakonie, die von den evangelisch-reformierten Kirchen der Deutschschweiz anerkannt wird.
Jubiläumsfest Samstag, 4. September, im Kultur- und Kongresshaus Aarau, Schlossplatz 9. www.tdsaarau.ch









