Anna Allemann ist nicht nur Grossmutter, seit 25 Jahren gibt sie auch noch Sonntagsschule (Bild: zvg)
Anna Allemann ist nicht nur Grossmutter, seit 25 Jahren gibt sie auch noch Sonntagsschule (Bild: zvg)
Erstellt: 27.08.2010
Den Sonnenaufgang noch einmal erleben können
Neues Leben/ Es ist das Normalste auf der Welt - und bleibt trotzdem ein Geheimnis: das Grossmuttersein. Anna Allemann aus Untervaz erzählt.

Alles begann mit einem Geschenk der Kinder. Anna Margrith Allemann bekam einen Blog - eine Art öffentliches Tagebuch, das man im Internet publiziert. «Die Kinder wollten mir eine originelle Plattform für meine Arbeiten ermöglichen», erzählt die zweifache Mutter und gelernte Töpferin. Als sie dann vor dem Computer sass, um ihren Blog zu benennen, merkte sie: «Nicht die Arbeit ist es. Ich will erzählen, was mir das Grossmuttersein bedeutet.»

Anerkennung. Zwei bis drei Stunden wöchent- lich verbringt Anna Allemann mit der Bearbeitung ihres Blogs. Den Titel «Grossmama´s Schatzkiste - Grossmutter im Tagesgespräch» hat sie sich gut überlegt: Das Grossmuttersein vergleicht sie mit einer Schatzkiste; voller Erlebnisse, Eindrücke, Geschichten. «Erinnerungen geben Erlebtem Inhalt.» Sie möchte mit ihrem Blog Grossmüttern und Grossvätern Mut machen, sich in die Gesellschaft einzumischen. Sich Anerkennung zu verschaffen. «Bis jetzt haben Grosseltern keine Stellung in unserer Gesellschaft.»

Richtungswechsel. Seit zehn Jahren ist die sechzigjährige gebürtige Baslerin Grossmutter zweier Enkel. «Das Grossmuttersein gab meinem Leben eine andere Richtung.» Plötzlich begegnete sie Menschen, die Ähnliches erlebten. So erfuhr sie durch ihren Blog von einer Frau, die Geschichten aus der Kindheit erzählt, seit sie Grossmutter ist, diese auf CD brennt und nun regelmässig auf Lesungen eingeladen wird. Ein pensionierter Mathematikprofessor berichtete, dass er gratis Nachhilfeunterricht erteilt, oder sie hörte von dem Grossvater aus der näheren Umgebung, wie leidenschaftlich er seinem Enkel das Fischen beibringt. «Grosseltern haben den Eltern etwas voraus: die Ruhe und die Musse, Kindern etwas weiterzugeben. «Das Grosselternsein», so Allemann, «ist ein Geheimnis.» Man brauche keine eigenen Enkel zu haben, um dieses Geheimnis zu spüren. Werden und Vergehen könne jeder aufmerksame ältere Mensch mit Kindern erleben.

Verbindung. Das Erinnern hat in der Religion einen zentralen Stellenwert. Erinnerungskulturen, im Judentum besonders ausgeprägt, geben Antworten auf die Sinnfragen des Lebens. Zu den wichtigsten Erinnerungsgeschichten des Christen- und Judentums gehören die Exodus- und Sintflutgeschichte. Der Regenbogen bei Noah erinnert an den Bund Gottes mit den Menschen und daran, dass ihnen nie mehr Gefahr droht. Die wohl wichtigste «Erinnerungshandlung» in der christlichen Kultur sei die Abendmahlsfeier, sagt der Theologe Jörg Lanckau, der sich mit früher Kirchengeschichte und Geschichten der antiken Welt auseinandersetzt. «Das Abendmahl erinnert nicht nur an Leben, Leid und Sterben Jesu, es ist auch die Erinnerung der Verbundenheit Gottes mit den Menschen.»
Wenn Anna Allemann ihren zweijährigen Enkel füttert, erinnert sie sich an ihre Schwiegermutter und daran, wie sie sich ärgerte, wenn sie fragte, ob die Kinder auch wirklich genug gegessen hätten. Heute gehe es ihr ähnlich. Es gebe nichts Schöneres, als ihren Enkel zu füttern, damit er «stark und gesund» wird, gut gerüstet ist für das Leben und dann strahlt, noch fast zahnlos. «In den Enkeln sehe ich noch einmal einen Sonnenaufgang in meinem Lebensabend.» Rita Gianelli

Buchtipps
Eines von Anna Allemanns Lieblingsbüchern zum Thema Grossmutter heisst «Kinder brauchen Grossmütter» und ist geschrieben von Sybil Gräfin Schönfeldt, ISBN 978-3-492-22833-6. Weitere Bücher zum Thema Erinnern: Das volle Leben, Susanna Schwager, ISBN 978-3-03763-001-3; Das kulturelle Gedächtnis von Jan Assmann, ISBN 3-406-36088-2.
Grossmutterblog unter: http://grossmamaschatzkiste.blogspot.com

Ressourcen zwischen Generationen nutzen
Im Kanton Graubünden gibt es verschiedene Projekte, welche die Beziehungen zwi- schen den Generationen fördern. Pro Senectute Graubünden lancierte das Projekt GiK (Generationen im Klassenzimmer): Seniorinnen und Senioren leisten als freiwillige Klassenhilfen stundenweise Einsätze, helfen bei schulischen Aufgaben. In vielen Schweizer Schulen ist das Angebot nicht mehr wegzudenken ist. Gemäss Rea Steinmann, Geschäftsführerin Pro Senectute Graubünden, befinde man sich in Graubünden in der Aufbauphase. Der Verein Compagna vermittelt Leihnanis zur Entlastung junger Familien. Das Projekt Leihnani kann Kindern, denen Grosseltern fehlen, ein wertvoller Ersatz sein.