Constanze Jecker ist Medienwissenschaftlerin und hat am Forschungsprojekt «Religionen im Fernsehen» der Universität Freiburg mitgearbeitet. Infos: wwwnfp58.ch (Bild: zvg)
Constanze Jecker ist Medienwissenschaftlerin und hat am Forschungsprojekt «Religionen im Fernsehen» der Universität Freiburg mitgearbeitet. Infos: wwwnfp58.ch (Bild: zvg)
Erstellt: 27.08.2010
Inszenierte TV-Religion
Studie/ Religion findet am Fernsehen häufig, aber meist bloss in Form von Ritualen und Symbolen statt. Vier Fragen an die Medienwissenschaftlerin Constanze Jecker, die darüber geforscht hat.

Frau Jecker, wer an Religion im Fernsehen denkt, denkt an die «Sternstunden», das «Wort zum Sonntag» oder vielleicht an das «Fenster zum Sonntag». Wo sonst findet Religion statt?
Eigentlich in jedem Bereich des Programms: in der Werbung, wenn mit der «Hagia Sophia» für Türkeireisen geworben wird, im Sport, wenn sich ein Fussballer bekreuzigt, oder in Informationssendungen, wenn etwa über islamische Selbstmordattentäter berichtet wird. Und auch in Serien und Spielfilmen: wenn ein Paar mit einem religiösen Ritus heiratet, in Quizshows nach Heiligen gefragt wird oder wenn in Krimis ein Geistlicher ermittelt.


Was wird betont, was kommt zu kurz?
Sieht man von Sendungen wie «Sternstunde Religion» ab, wird selten ausführlich und vertieft über Religionen berichtet. Meistens ist Religion nicht das Hauptthema, sondern kommt nur kurz in Form von Symbolen und Ritualen vor. Betont wird, was sich gut inszenieren lässt und was aus journalistischer Sicht relevant erscheint. Komplexe und abstrakte Themen, etwa aus dem Bereichen Ethik, werden kaum behandelt.


Wie werden die verschiedenen Religionen dargestellt?
Am häufigsten sind Beiträge mit Bezug zum Christentum. Danach folgen, allerdings mit grossem Abstand, Beiträge über den Islam, das Judentum, Buddhismus und Hinduismus. Überraschend oft kommt übrigens auch Esoterik vor. Interessante Unterschiede ergeben sich durch den Vergleich zwischen Christentum und Islam: Der Islam wird in der Berichterstattung meist im Zusammenhang mit Konflikten, Problemen und Politik im Ausland thematisiert, während das Christentum auch oft in unpolitischen und konfliktfreien Kontexten vorkommt. Ausserdem wird – im Gegensatz zum Christentum – fast immer nur über den Islam berichtet. Das heisst: Muslime kommen selbst äusserst selten zu Wort.


Gibt es quantitative Unterschiede zwischen den SRG- und den Privatsendern?
Ja, grosse sogar: In den Privatprogrammen TeleBärn und TeleZüri gibt es in unserer Untersuchungswoche nur sechs unterschiedliche Beiträge mit Religionsbezug. Demgegenüber sind es bei SF 1, TSR 1 und TSI 1 insgesamt 275. Interview: Samuel Geiser