Via Inserat zu Kirchgemeinderäten? Vielleicht nützts... (Bild: Carlo Schneider)
Via Inserat zu Kirchgemeinderäten? Vielleicht nützts... (Bild: Carlo Schneider)
Erstellt: 27.08.2010
Kirchgemeinden auf der Suche nach Ratsmitgliedern
Kirchgemeinderat/ Sie sind die Stützen der Ortskirche, sie kümmern sich um Bauten, Budget, Personal. Doch viele Kirchgemeinderäte sind unterbesetzt – oder überaltert.

Niemand weiss genau, wie viele der 231 Kirchgemeinden im Synodalverband Bern-Jura-Solothurn ihre liebe Mühe haben, Vakanzen im Rat zu füllen. Aber eine Umfrage des Kirchgemeindeverbands lässt vermuten, dass es einige sind. «Im Sorgenbarometer der Kirchgemeinderäte steht das eigene Nachwuchsproblem auf Platz zwei, gleich nach dem Mitgliederschwund – und noch vor der Pfarrstellenreduktion und dem Steuerrückgang», sagt Hans-Peter Grossniklaus, Vizepräsident des bernischen Kirchgemeindeverbands.

Fusionierung. Besonders in Städten wird es schwieriger, kirchliche Ehrenämter zu besetzen. In Biel war dies ein wichtiger Grund, die vier Kirchgemeinden zusammenzulegen. «Jetzt brauchen wir nur noch neun Mitglieder für den Gesamtrat – statt wie bisher 36. Zwar haben diese mehr Arbeit, aber sie können auch besser entschädigt werden», sagt Christoph Grupp, Präsident der reformierten Kirchgemeinde Biel. Grupp begrüsst «diesen Schritt Richtung Professionalisierung».
«Vor der Fusion hatten wir manchmal Sitzungen mit bloss drei Ratsmitgliedern und sieben Angestellten», bestätigt auch Walter Glauser, sozialdiakonischer Mitarbeiter in Biel-Madretsch: «Unser Rat war überaltert und nur beschlussfähig, weil sich ehemalige Ratsmitglieder verdankenswerterweise wieder zur Verfügung stellten.»

Seniorisierung.
Auch auf dem Land, wo früher ein Kirchgemeinderatssitz vielerorts ein Ehrenposten für Alteingesessene war und der Kirchgemeindepräsident zur Dorfprominenz zählte, wird die Suche nach neuen Ratsmitgliedern schwieriger. Beispiel Sigriswil: «Zum Glück haben wir noch immer genügend Räte aus allen Altersgruppen gefunden. Aber der Aufwand, sie zu suchen, ist grösser geworden», erklärt der Sigriswiler Kirchgemeindepräsident Kurt Rüfenacht: «Es sind oft Frauen nach der Familienarbeit oder Pensionierte, die sich eine Mitarbeit vorstellen können. Beruflich und familiär voll Engagierte hingegen winken häufig ab, weil sie bereits genug gefordert sind.»
Auch die stadtbernische Kirchgemeinde Frieden steht vor dem Problem, dass mehrheitlich Pensionierte im Rat sitzen. «Wenn die Jungen, die Familien und die Erwerbstätigen nicht im Rat vertreten sind, fehlt uns der reiche Erfahrungsschatz dieser Personengruppen», sagt Kirchgemeinderatspräsident Rolf Dähler. Aber Not macht erfinderisch: Die Kirchgemeinde Frieden sucht jetzt neue Mitglieder via Inserat.

Professionalisierung.
«Grundsätzlich hat ja die Bereitschaft für Freiwilligenarbeit gar nicht abgenommen. Aber man engagiert sich heute ungern auf längere Zeit», sagt Ursula Trachsel, Leiterin des Bereichs Gemeindedienste und Bildung der reformierten Kirchen Bern-Jura- Solothurn, der Weiterbildung für Kirchgemeinderäte anbietet: «Eine vierjährige Amtszeit ist für viele heute eine allzu lange Perspektive.»
Kommt dazu, dass die Anforderungen an das Ehrenamt gestiegen sind. Personalführung, Budgetplanung und Immobilienverwaltung erfordern eine gewisse Professionalität. «Wer im Kirchgemeinderat mitarbeiten will, muss bereit sein, sich in komplexe Dossiers einzuarbeiten», so Ursula Trachsel.
Attraktivierung. Was tun? Ursula Trachsel empfiehlt Kirchgemeinden, «gezielter nach fachlich geeigneten Personen zu suchen, und zwar längerfristig – nicht auf dem letzten Zacken». Anderseits solle man Willige durchaus auch mit dem Argument werben, «dass man im Kirchgemeinderat etwas lernen kann: etwa wie man eine Sitzung leitet, eine Stellenausschreibung macht oder eine Baueingabe». Der Bereich Gemeindedienste und Bildung bietet entsprechende Weiterbildungskurse und Beratung an. Ursula Trachsel ist überzeugt, dass so ein kirchliches Amt auch wieder für Jüngere attraktiv wird.

Administrierung. «Attraktiver wird ein Kirchgemeinderatsamt auch dann, wenn man es von administrativen Aufgaben entlastet», sagt Ursula Trachsel. Allerdings ist das ohne die Anstellung von Verwaltungspersonal nicht machbar. Und dies oft nicht ohne Zusammenarbeit über die Gemeindegrenzen hinweg.
Wer weiss, vielleicht wird ja die Fusion der vier Kirchgemeinden in der Zukunftsstadt Biel zum Trendsetter …

Samuel Geiser

Vernetzen, fusionieren
Immer mehr Kirchgemeinden vernetzen sich mit Nachbargemeinden: Sie organisieren etwa gemein- same Jugendlager, Vortragsreihen oder den Kanzeltausch. Die Zusammenarbeit kann aber auch zur gemein- samen Anstellung einer Buchhalterin, zur Bildung von Kirchgemeinderegionen oder zur Fusion führen.