| Erstellt: 27.08.2010 | |
Frau Perrig-Chiello, Sie haben hier zwei potenzielle Grossmütter vor sich …
… ich schliesse mich an! Ich habe einen 31-jährigen und einen 29-jährigen Sohn. Eine Schweizerin wird durchschnittlich mit 52 Jahren Grossmutter – wir müssten also, statistisch gesehen, alle drei bereits Grossmütter sein.
Was verbindet uns?
Wir gehören zur Babyboomgeneration: Wir sind besser ausgebildet als unsere Vorgängergeneration – als unsere Grossmütter sowieso, aber auch als unsere Mütter. Wir sind besser verankert im Beruf. Wir sind gesünder und sehen jünger aus als unsere Grossmütter. Diese waren mit fünfzig Jahren durch die vielen Geburten, die harte körperliche Arbeit und die einseitige Ernährung verbraucht. Zudem haben wir auch die Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen.
Haben heutige Grossmütter auch eine andere Beziehung zu ihren Enkeln?
Früher galt: Die Grossmutter ist immer da, sie erzählt Geschichten, sitzt auf dem Ofen, strickt, backt Guetsli – ein sehr liebes, aber auch sehr passives Bild.
Und eins, das nicht mehr stimmt?
Grosseltern leisten rund 100 Millionen Betreuungsstunden, pro Jahr. Das entspricht, grob gerechnet, einer jährlichen Lohnsumme von zwei Milliarden Franken! Die jungen Eltern von heute sind auf diese Betreuungsarbeit angewiesen. Hüten ist nicht einfach eine nette Geste der Grosseltern, es ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit! Es gibt Grossmütter, die mehrmals pro Woche stundenlang reisen, um ihre Enkel zu betreuen. Und das nimmt unsere Gesellschaft als selbstverständlich hin.
Und die Grossväter?
In der Regel ist tatsächlich die Grossmutter im Vordergrund. Wenn man Kinder fragt, welches für sie die wichtigste Person sei, kommen nach Mami und Papi meist die beiden Grossmütter. Dann der Vater der Mutter und schliesslich der Grossvater väterlicherseits. Aber für die Grossväter sind die Grosskinder sehr wichtig, weil viele von ihnen mit den Enkeln ganz neue Seiten an sich entdecken.
Im Zeitalter der Patchworkfamilie hat ein Kind aber plötzlich mehr als vier Grosseltern. Ist das ein Problem?
Ja, und zwar ein juristisches: Was, wenn bei einer Scheidung die Frau das alleinige Sorgerecht erhält – und nun auch die Eltern des Vaters den Kontakt zu ihren Enkelkindern verlieren, obwohl sie während Jahren die Beziehung gepflegt haben? Lässt sich ein Besuchsrecht der Grosseltern einfordern? Das beschäftigt gegenwärtig Kinderrechtler und Juristinnen.
Warum brauchen Kinder Grosseltern?
In England haben Forscher Kinder befragt, wer ihre ersten Ansprechpersonen sind, wenn es Streit mit den Eltern gibt, wenn diese sich trennen oder sonst gravierende Probleme auftauchen. Erstaunlicherweise nennen die meisten Kinder nicht Freunde und Freundinnen, sondern die Grosseltern.
Sie haben das Nationale Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen» geleitet: Sind Sie dabei auf ähnliche Ergebnisse gestossen?
Wir haben Kinder und Jugendliche unter anderem gefragt: Sind die Gross- eltern wichtig und wozu? Alle finden sie sehr wichtig, und zwar nicht etwa, weil sie ihnen ab und zu Geld zustecken, sondern – auch heute noch und an erster Stelle! – «weil sie einfach da sind, wenn man sie braucht».
Eltern sind für Kinder oft peinlich, Grosseltern nicht – warum eigentlich?
Die Eltern sind emotional zu nah. Und die Elterngeneration nimmt manchmal gewisse jugendliche Attitüden an – das stört die Jungen. Oma und Opa dagegen sind eine Spezies für sich. In der Regel haben sie ihre persönlichen Werte und stehen dazu. Das ist eine saubere Trennung, und man kann auf diese Weise lockerer miteinander umgehen: weil man sich gegenseitig nicht bedroht.
Aber haben Grosseltern wirklich Einfluss auf die Werte der Enkel?
Grosseltern sind vor allem für die Kontinuität zuständig und haben Einfluss auf Rituale: wie man zum Beispiel gemeinsam Weihnachten feiert. Die religiöse Prägung hingegen wird primär durch die Eltern vermittelt.
Und wie ist es, wenn die Grosseltern abwesend sind – zum Beispiel bei Ausländerkindern?
Es ist erstaunlich: Auch bei grossen Distanzen sind die Grosseltern sehr wichtig. Einmal im Jahr geht man zur Nonna. Und man geht gern! Oder die Nonna kommt, wenn es Probleme gibt. Und selbst wenn die Grosseltern früh gestorben sind, sind sie irgendwie präsent und prägend. Damit Migrantenkinder hierzulande Bezugspersonen aus der Grosselterngeneration haben, gibt es das Modell der Leihgrosseltern: Ältere Menschen laden die Kinder regelmässig ein. Das bewährt sich und hilft bei der Integration.
Sind Grosseltern denn immer so weise und selbstlos?
Natürlich nicht. Es gibt durchaus Konflikte – heute besonders darum, weil Grossmütter wieder so gefordert sind wie dreissig Jahre zuvor, als sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen mussten. Jetzt müssen sie sich erneut extrem gut organisieren, damit sie die von ihnen erwarteten Betreuungsaufgaben übernehmen können. Auf all diese Probleme machen jene Frauen aufmerksam, die sich für die «Grossmütter(r)evolution» zusammengeschlossen haben (vgl. Kasten). Sie sagen: «Ja, es ist schön, die Enkel zu hüten. Aber wir wollen es freiwillig tun – und nicht, weil es nicht anders geht. Unsere Leistungen sollen wahrgenommen und anerkannt werden.»
Heisst Anerkennung auch finanzielle Abgeltung?
Es geht darum, dass die Leistungen der Grosseltern öffentlich wahrgenommen werden. Dann erst wird ihr Engagement nicht mehr als Selbstverständlichkeit gelten. Wissen weiterzugeben und Fakten zu vermitteln, steht am Anfang jeder Veränderung. Nur wer einen Sachverhalt kennt, kann ihn verändern. Im Moment sind wir auf der Stufe von Ignorieren und Nichtwissenwollen.
Ganz konkret: An welche Verände- rungen denken Sie? An mehr Kinder- tagesstätten?
Auch. Aber auch, dass der Staat die Leistungen der Grosseltern wahrnimmt und honoriert – zum Beispiel in Form von Steuerentlastungen.
Haben Sie zum Schluss ein paar Tipps und Empfehlungen für praktizierende und zukünftige Grosseltern?
Die Babyboomgeneration soll nicht krampfhaft versuchen, ewig jung zu sein: Auch heute dürfen Grosseltern einfach ältere Leute sein. Klarheit und Gelassenheit soll von ihnen ausgehen. Und sie sollen Perspektiven und Direktiven geben: Junge Leute brauchen Richtlinien. Grosseltern sind Vorbilder, sie können – ohne sich in die Erziehung einzumischen – Werte vertreten. Sie leben diese Werte ja auch. Eine solche Haltung ist wirksamer als tausend Worte! Interview: Rita Jost (59), Käthi Koenig (60)
Pasqualina Perrig-Chiello (58)
ist Professorin an der Universität Bern. Die Forschungsschwerpunkte der Entwicklungspsychologin sind Familien- und Generationenbeziehungen. Sie präsidierte das Nationale Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und Generationen- beziehungen im gesellschaftlichen Wandel».
Im NZZ-Verlag sind von ihr erschienen: «In der Lebensmitte. Die Entdeckung der zweiten Lebenshälfte» (2007); «Die Babyboomer. Eine Ge- neration revolutioniert das Alter» (2009, mit François Höpflinger). kk/rj
Generationenprojekte
• Wo Leihgrosseltern vermittelt werden: www.familienkontakte.ch
• Wo die Frauen der «Grossmütter(r)evolution» zu finden sind: www.grossmuetter.ch
• Wo Grosseltern mit ihren Enkeln die Natur erleben können: www.silviva.ch Am 3. Oktober findet im Bremgartenwald Bern ein abenteuerlicher Tag für Grosseltern und Enkelkinder statt (Treffpunkt: 10 Uhr, Busstation Länggasse). Info: Tel. 044 291 21 91










