Erstellt: 27.08.2010
Leben heisst Ahnen haben
Grosseltern/ Irgendwann möchten wir es wissen: wie das war, als Grossmutter und Grossvater jung waren. Vielleicht weil wir uns in ihrem Spiegel erkennen. Die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello spricht im Interview über das Grosselternsein heute. Und «Reformiert.»-Redaktorinnen und -Redaktoren erzählen von ihren Grosseltern - Beginn macht Samuel Geiser, Redaktor in Bern.

Meine Grosseltern kenne ich nur vom Hörensagen: Als ich als Nachzügler auf die Welt kam, hatten sie diese bereits verlassen. Halt, stimmt gar nicht. Johann, den Grossvater mütterlicherseits, habe ich doch einmal mit den Eltern in einem Emmentaler Krachen aufgesucht. Ein einziges Mal nur. Ich erinnere mich an einen grossen Greis und an den Schreck, als ich ihm die Hand gab und merkte, dass ihm zwei oder drei Finger fehlten. Grossvater war Zimmermann und weitherum als Schindelmacher bekannt. Wiederholt hatte er sich bei der Arbeit verletzt. War das damals einfach Zimmermannspech? Oder fahrigem Umgang mit Axt oder Schindelmesser geschuldet? Und habe ich, der sich beim Gemüserüsten ärgerlich oft in die Finger schneidet, etwas davon in den Genen? Ein Draufgänger soll er gewesen sein, der Johann, zum Aufbrausen neigend, einer, der sich einen Deut drum scherte, dass seine Tochter, meine Mutter, die wilde Ehe gar nicht goutierte, die er als lustiger Witwer im hohen Alter einging.

Erben. Und was hab ich von Samuel, dem Grossvater väterlicherseits, geerbt, dem Bauern und Täuferprediger? Nur den allzu frühen Glatzenansatz? Forsch und doch vorsichtig blickt er als Jüngling auf der Foto in die Welt – ernst und streng als junger Mann auf jener, wo er herrschelig im Zentrum zwischen Geschwistern und Eltern, meinen Urgrosseltern, posiert.
Welten trennen mich von den Grossvätern, auch wenn ich ihre Vornamen trage. 1866 wurde Samuel geboren, vor sage und schreibe 144 Jahren, als grad das erste Telegrafenkabel im Atlantik verlegt wurde und Preussen in der Schlacht von Königgrätz Österreich vernichtend schlug, im Kampf um die Vormacht in Deutschland.
Und die Grossmütter im Schatten der Patriarchen? Die selbstsicher und reserviert dreinblickende Eugénie, mit der Lismete in ihren kräftigen, von erdiger Arbeit gezeichneten Händen? Nicht auf Anhieb sympathisch wirkt sie auf mich, und besorgt frage ich mich: Hab ich ein Stück von ihr? Oder die liebevoll mütterlich und sorgenvoll mich anschauende Johanna: Bin ich das auch?

Ahnen. «Leben heisst Ahnen haben», sagt ein afrikanisches Sprichwort. Der Blick auf längst verstorbene Grosseltern ist der Blick zurück in unsere Zukunft. Denn sie haben den Gentopf gefüllt, in dem unsere Identitäten gemixt werden. Auch wenn wir die Kapriolen kaum durchschauen, die das Erbgut aus vier Genlinien schlägt: verleugnen lassen sich die Vorfahren nicht. Eine Ähnlichkeit der Nase, um die Augen, im Gang, im Charakter ist schlecht zu tarnen. «Grossvater war ein Schweiger, Vater auch. Ich spüre, dass ich dieser Versuchung nur knapp widerstehe, weil Schweigen heute schlicht nicht mehr geht», sagt ein Freund, heiter kapitulierend.
Schönen. Die Fotoalben der Grosseltern sind die Chroniken, in denen wir unser Leben aufblättern. Irgendwann als Erwachsene schlagen wir unsere ganz persönliche Heimatgeschichte neugierig auf – spätestens dann, wenn wir mit unserer Endlichkeit zu rechnen beginnen (oder uns ein Künstler in seinem «Erinnerungsbüro» nach unseren Grosseltern befragt; vgl. Kasten). Tröstet uns das Einreihen in die Kette der Generationen, weil uns dabei ein Hauch Unendlichkeit anweht?
Im Erinnerungstheater rund um Grossmutter, Grossvater und unsere nicht immer ganz heilige Familie führen wir mal Regie, mal wird uns die Rolle auf den Leib geschrieben. Das Stück spielt auf dem ungesicherten Boden des Herkommens, der unversehens aufs Glatteis führen kann. Da wird erinnert und vergessen, geflunkert und geschönt, gelacht und geweint. – Lob und Dank sei euch Grosseltern! Samuel Johann Geiser

Meine Grosseltern
Seit Jahren lässt sich der Künstler Mats Staub von Enkelinnen und Enkeln die Geschichte ihrer Grosseltern erzählen (www.erinnerungsbuero.net). Ein Teil der stets wachsenden Erinnerungssammlung wird nun im Museum für Kommunikation in Bern (www.mfk.ch) vom 3. September bis 10. Oktober ausgestellt: «Meine Grosseltern» präsentiert in Bild und Ton alte Geschichten – und stellt Fragen nach Erinnern und Vergessen, Legende und Wahrheit.

«reformiert.» lädt ein zum Ausstellungsbesuch mit vorgängiger Einführung durch den Künstler – im Rahmen einer ganztägigen Leserreise nach Bern am Dienstag, 21. September:

Programm
Fahrt mit dem Reisecar ab Chur, Bilten, Zürich, Aarau und Würenlos nach Bern
12.00 Mittagessen im (provisorischen) «Haus der Religionen» in Bern: Menu aus Sri Lanka (ayurvedisch) Anschliessend Führung durch das multireligiöse Pionierprojekt
15.00 Zvieritee. Fahrt zum Museum für Kommunikation16.00 Besuch der Ausstellung «Meine Grosseltern». Persönliche Einführung durch den Künstler Mats Staub
17.30 Rückreise
Kosten: Fr. 79.– (inkl. Anreise, Mittagessen, Führung, Ausstellungsbesuch)Anmeldungen bis 10.September an sekretariat.aargau@reformiert.info oder Tel. 056 444 20 77 (Platzzahl beschränkt)