Erstellt: 27.08.2010
Selbstgespräche eines Müssiggängers
Auf meinem Nachtisch/ Buchtipp von Jan-Andrea Bernhard, Pfarrer in Castrisch und Gastdozent in protestantischer Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät in Klausenburg

Tagebuchnotizen. Im In- und Ausland ist Jean Rudolf von Salis (1901–1996) bekannt geworden vor allem durch seine Radiokommentare zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Trotz der organisierten Einschüchterung entwarf er mit viel Taktgefühl und sachgerechter Darstellung eine andere Sicht über die Kriegslage. Wenig bekannt sind hingegen seine Tagebuchnotizen aus den 80er-Jahren, die er als «Selbstgespräche», «inneren Monolog» eines Müssiggängers bezeichnet.

Wahrheitssuche.
Die «Notizen», die weniger eine Darstellung seines Wirkens in den 80er-Jahren als vielmehr eine kritische Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben, Denken und Zweifeln sind, ermöglichen, einen Einblick in die geistige Entwicklung seiner Persönlichkeit zu gewinnen. Der Leser wird bereits nach den ersten Seiten in eine geistige Welt geführt, die geprägt ist von Familiengeschichte, politisch-kulturellen Netzwerkerfahrungen, rückschauender Selbstkritik, vor allem aber von der Suche eines alternden Mannes nach der Wahrheit, dem Zuverlässigen und Gesicherten.

Ernüchternd. Salis möchte das aufschreiben, was ihn betroffen macht. Neben vielen politischen und literarischen Notizen werden Themen wie «die jüdische Frage», der Papstkritiker Hans Küng, die Auseinandersetzung mit dem Tod oder «was ist Gerechtigkeit und Moral» angesprochen; hier zeigt sich Salis Suche nach der Wahrheit ausgeprägt. Und das Fazit dieser Suche ist ernüchternd und erhellend zugleich: «Sollte einer einst die vollkommene Wahrheit verkünden, Wissen könnt er das nicht: es ist alles durchwebt von Vermutung.» Mit dieser Wissenschaftstheorie sind Natur- wie Geisteswissenschaftler gefordert.

Notizen eines Müssiggängers, Jean R. von Salis ISBN-10:3-280-01537-5 Orell-Füssli-Verlag