«Wer nichts von der Welt gesehen hat, kann nicht Seelsorger sein»: Markus Cott, IKRK-Delegierter (Bild: Jakob Menolfi)
«Wer nichts von der Welt gesehen hat, kann nicht Seelsorger sein»: Markus Cott, IKRK-Delegierter (Bild: Jakob Menolfi)
Erstellt: 27.08.2010
«Orte sind unwichtig - die Menschen zählen»
Porträt/ Markus Cott erzählt von seiner Arbeit beim Roten Kreuz und warum es im Iran die besten Partys gibt.

Mit grossen Schritten eilt Markus Cott durch die Kirchgasse in Chur. Seine Schuhe klacken auf dem Kopfsteinpflaster, die helle Lederjacke hängt über der Schulter. «Bin gerade dabei, mein Maiensäss in Tinizong zu renovieren», entschuldigt er seine Verspätung. Markus Cott ist Delegierter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK). Wenn er ferienhalber in Graubünden weilt, sind seine Tage ausgebucht. Nebst dem Familien- und Freundeskreis geniesst er Konzert- und Theaterbesuche – dazu kommt er an seinem jetzigen Arbeitsort selten.

Unbeschreiblich. Seit zehn Jahren ist der Bündner beim IKRK. Nach mehreren Einsätzen in Afrika kam er 2006 in den Iran. Die Region habe ihn schon immer fasziniert: voller Rätsel, mit einer Landschaft, wie sie auch er, der Vielgereiste, zuvor noch nie gesehen habe. Diese Einzigartigkeit spiegelt sich auch in der Bevölkerung. «Die Iraner sind sehr selbstbewusst, was einen Ausländer ständig herausfordert», sagt Markus Cott. Man tut gut daran, als Erstes die Regeln des Tarouf zu lernen: die Kunst des Austeilens und Interpretierens von Höflichkeitsfloskeln. Ein Jahr habe er gebraucht, um sich in die iranische Gesellschaft einzuleben. Dass westliche Medien, wenn sie den Iran thematisieren, meist nur über Hinrichtungen oder das für Frauen verordnete Tragen des Hijab berichteten, bedauert er. Die weit wichtigeren Probleme seien wirtschaftlicher Natur, findet der 41-jährige Theologe: vorab die immense Jugendarbeitslosigkeit von nahezu dreissig Prozent. «Es gibt eine ganze Generation von Jugendlichen mit Universitätsabschluss, die keine Arbeit haben.» Die junge iranische Bevölkerung sei blockiert, habe keine Zukunft – und deshalb mache sich auch «eine Neigung zur Oberflächlichkeit» bemerkbar: «Man will nicht an morgen denken und geniesst das Leben, so gut es geht.» Und so ausgelassen es geht: «Im Iran», so Markus Cott, «gibt es die besten Partys.»

Ungerecht. Der Iran ist noch immer mit der Aufarbeitung des ersten Golfkriegs (1980–1988) beschäftigt. Nach wie vor würden Tausende Toter vermisst. Als IKRK-Mitarbeiter half Cott bei deren Suche und Überführung in die Heimat. Seine Hauptaufgabe jedoch war die Öffentlichkeitsarbeit: Er organisierte Konferenzen – auch zu den Folgen des Kriegs für die Umwelt –, gab Medienleuten Auskunft, referierte an Universitäten.
Seit 2009 ist er nun in Afghanistan tätig und versucht dasselbe zu tun, was er im Iran tat: Netzwerke aufzubauen und zu pflegen – auch mit der Opposition, den Taliban. Das IKRK erhofft sich eine Annäherung der beiden Länder. Rund eine Million Afghanen leben illegal im Iran – ihre Situation würde sich mit einer Lockerung der Grenzbestimmungen verbessern.

Unreif. Markus Cott spricht leise, aber präzis. Vor seiner Zeit beim IKRK arbeitete der katholische Theologe als Pastoralassistent am Zürichsee. «Die Arbeit gefiel mir», sagt er, doch er habe sich «zu unreif» gefühlt, um in der Gemeinde wirklich Neues zu bewirken. «Wer nichts von der Welt gesehen hat, kann nicht den Anspruch haben, Seelsorger sein.»
Er selbst hat noch nicht genug gesehen. Wohin es ihn nach Afghanistan verschlägt, weiss er noch nicht. «Orte sind nicht wichtig. Es sind die Menschen, die zählen.» Rita Gianelli

Ein Theologe
Markus Cott wuchs im romanischsprachigen Tinizong nahe Savognin im Surses auf. Nach dem Gymnasium an der Klosterschule Disentis studierte er katholische Theologie in Chur, später am Institute Catholique in Paris (Religionswissenschaften und Philosophie) und in London (Sozialpolitik in Entwicklungsländern). Seit 2000 ist er Delegierter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK).
www.icrc.org