| Erstellt: 27.08.2010 | |
Ambivalenz. Freust du dich? Die Frage wird mir vor jeder grösseren Reise gestellt. Pflichtgemäss sollte ich mit Ja antworten. Doch ich zögere: Na ja, eigentlich schon, aber wenn ich es mir recht überlege, vielleicht doch nicht so. Reisen ist anstrengend. Manchmal auch unangenehm. Und am schönsten ist es ohnehin … Ja, wahrscheinlich bin ich ein Reisemuffel.
Mühsal. Es beginnt schon beim Packen, das sich quälend in die Länge ziehen kann. Dann geht es so richtig los: Schlange stehen vor irgendwelchen Schaltern. In einem Verkehrsmittel eingepfercht werden, eng umschlossen von Mitreisenden, die sich vielleicht alle freuen und dies im schlimmsten Fall auch noch laut kundtun. Irgendeinmal irgendwo ankommen, aussteigen und wieder vor irgendwelchen Schaltern endlos Schlange stehen. Ist auch das überstanden, geht es weiter mit Umherirren, Auskunft suchen, Billette lösen, Bus suchen, Strasse suchen, Unterkunft suchen, Preise aushandeln und so weiter.
Anemonen. «Wie muss man gebaut sein, um das zu ertragen?», fragte der österreichische Schriftsteller und Diplomat Alexander von Villers, schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Reisestress gab es offenbar schon damals, im Zeitalter der Pferde- kutschen. «Spreche mir niemand vom Genuss des Reisens, ich glaube nicht daran», muffelte er. Seine Alternative: «Lieber Anemonen und Zyklamen, Farnkräuter und Haselnüsse und Berberitzen blühen sehen und Heckenrosen.» Das tönt gut.
Blickwechsel. Warum reise ich überhaupt? Ich könnte mir die Antwort leicht machen und sagen: wegen meiner reisefreudigen Frau. Aber es steckt mehr dahinter: Ich reise, um einfach einmal weg zu sein, um andere Welten zu erleben – und dann wieder heimzukehren. Die Rückkehr ist jedes Mal ein Erlebnis. Ich sehe meine vertraute Umgebung mit ganz anderen Augen. Was ich längst zu kennen meinte, zeigt sich in einem neuen Licht.
Zimmer. Das Nächste ist merkwürdigerweise oft das Fernste. Als die grossen Seefahrer im 18. Jahrhundert immer weiter entlegene Weltgegenden zu bereisen begannen, erkundete der französische Lebemann Xavier de Maistre die Exotik der nächsten Nähe. Er nutzte einen sechswöchigen Hausarrest für Reisen durch sein Zimmer. Sorgfältig protokollierte er seine Erlebnisse zwischen Bett und Schreibtisch, Sofa und Fenster. Im Mikrokosmos der eigenen vier Wände erfuhr er erstaunlich viel über sich und die Welt.
Weg. Meinerseits werde ich mein Zimmer bald verlassen: Wir besuchen demnächst für ein paar Wochen eine der schönsten Ecken der Welt. Furchtbar weit entfernt von hier. Aber ich bin schliesslich kein Stubenhocker, sondern ein Reisemuffel. Das ist etwas anderes. Und, bitte, fragen Sie mich nicht, ob ich mich freue. Ich weiss es nicht.









