| Erstellt: 30.07.2010 | |
Die Orgel spielt gedämpft. Gemessen schreiten die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher zum Abendmahl. Auch ich schliesse mich der Reihe an, mit anständigem Abstand zur Frau vor mir. Abgesehen von den Orgelklängen ist es still, niemand redet oder lacht gar. Wie alle nehme ich Brot und Traubensaft mit ernster Miene ein. Dann bin ich ganz damit beschäftigt, das Brot mit Würde herunterzuschlucken und gleichzeitig zu meinem Platz zurückzufinden. Körperlichkeit in der reformierten Kirche? Eigentlich müsste man nicht weit suchen, denn mit dem Abendmahl existiert ein körperliches Ritual. Gefeiert wird dieses aber meist steif. Nicht lebendige Freude am feinen Traubensaft und am leckeren Brot herrscht da, sondern Ernst und Bedrücktheit.
Genährt werden. Das müsste nicht so sein, ist die Zürcher Pfarrerin Katharina Hoby-Peter überzeugt. «Das Abendmahl ist doch nichts Ernstes oder gar Trauriges, sondern ein Zeichen der Liebe Gottes, also etwas zum Freuen!», sagt sie. Und etwas Sinnliches dazu: Dass beim Abendmahl in der Kirche gegessen und getrunken wird, ist für Katharina Hoby-Peter eine grosse Chance. Sie erklärt: «Essen ist für den Menschen nach dem Atmen das ursprünglichste Bedürfnis. Essen nährt uns nicht nur, es vermittelt uns das Gefühl von Aufgehobensein.» Die Pfarrerin weiss, wovon sie spricht, denn sie hat fünf Kinder geboren und gestillt: «Als Mutter erlebt man ganz unmittelbar, wie sehr Genährtwerden einem kleinen Menschen Geborgenheit vermittelt.» Das Abendmahl, ist Hoby-Peter überzeugt, kann mehr als alle Worte erfahrbar machen, dass wir von Gott genährt und getragen werden.
Dazu müssten beim Abendmahl aber auch wirklich die Sinne angesprochen werden, sagt Hoby-Peter und erinnert sich an eine Abendmahlsfeier in einer Bergkapelle, für die sie selbst einen Zopf gebacken hatte. «Der ganze Raum war erfüllt vom köstlichen Duft des Brotes», schwärmt sie. Weniger begeistert ist sie vom Toastbrot, das in einigen Gemeinden beim Abendmahl gereicht wird, schlimmstenfalls schon am Vorabend geschnitten und an den Rändern eingetrocknet. «Das ist schade, denn das Geniessen mit den Sinnen ist wichtig. Im Sinnlichen erfahren wir den direktesten Zugang zu Gott.»
Gemeinsam essen. Darum sucht Katharina Hoby-Peter nach neuen Formen für das Abendmahl. Zusammen mit einem Team von Pfarrerinnen und Pfarrern gestaltet sie regelmässig das «Abendmahl am Mittag», das jeweils am Dienstagmittag in der Helferei des Zürcher Grossmünsters stattfindet. Hier essen die Anwesenden nach dem Abendmahl zusammen Zmittag, ganz im Sinn von Jesus, der das erste Abendmahl auch bei einem Essen mit seinen Jüngern feierte (siehe Lukas 22,14). So, erzählt Katharina Hoby-Peter, entstehe eine Atmosphäre von Lebensfreude und von Verbundenheit mit anderen Menschen. «Das ist auch eine der Bedeutungen des Abendmahls: dass wir spüren, das Leben geht weiter, wir brechen gemeinsam mit anderen auf, um unsere Welt zu gestalten.»
Katharina Hoby-Peters Vision: dass mehr reformierte Gemeinden das Abendmahl mit einem gemeinsamen Essen verbinden würden. Dies könnte sehr wohl in der Kirche stattfinden, denn gemäss der Abendmahlsliturgie sind lediglich Eingangsgebet, Einsetzungworte und Dank vorgegeben. Die übrige Gestaltung ist frei, also auch Reden und Lachen wären möglich! Doch noch von etwas anderem träumt die Pfarrerin: dass das Abendmahl auch das Essen im Alltag inspirieren könnte. «Heute, wo leider vom Tram bis ins Kino überall gegessen wird, wäre es schön, wenn Gottes Gegenwart spürbar und jedes Mahl ein Abendmahl werden würde.» Sabine Schüpbach
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Der Tipp von Katharina Hoby-Peter Liebesmahl. Jedes Essen kann zum Abendmahl werden, wenn Sie es bewusst gestalten. Beten oder singen Sie vor dem Essen mit den Menschen, mit denen Sie zusammen sind. Geniessen Sie das Essen und die Gemeinschaft. So wird entstehen, worum es beim Abendmahl ursprünglich ging: Freude, Liebe, Dankbarkeit und das Gefühl, mit anderen Menschen und mit Gott verbunden zu sein. |
Katharina Hoby-Peter, 48, ist freischaffende Theologin und Zirkuspfarrerin. Die Mutter von fünf Kindern lebt in Zürich, wo sie regelmässig das «Abendmahl am Mittag» in der Helferei des Grossmünsters gestaltet (Di, 12.30 Uhr, anschl. Zmittag).









