Sieht die Zukunft der Kirche in guten Händen: Hans Strub (Bild: Christine Bärlocher)
Sieht die Zukunft der Kirche in guten Händen: Hans Strub (Bild: Christine Bärlocher)
Erstellt: 30.07.2010
«Pfarrer sollten die Welt gestalten»
Kirche/ Hans Strub hat mehr als zwanzig Jahre angehende Pfarrerinnen und Pfarrer ausgebildet. Jetzt tritt er zurück.

Hans Strub, nach vierzig Jahren Arbeit in der Kirche – davon zwanzig als Ausbildungspfarrer – treten Sie zurück. Versetzen wir uns um vierzig Jahre in die Zukunft: Wie wird die Kirche im Jahr 2050 aussehen?
Zu diesem Zeitpunkt werden die Pfarrerinnen und Pfarrer zurücktreten, die jetzt ausgebildet wurden. Sie und die anderen Frauen und Männer, die ich während ihrer Vikariatszeit kennenlernte, werden in den kommenden Jahren das Gesicht der Kirche prägen. Ich bin überzeugt, sie ist bei ihnen in guten Händen.


Wichtig sind aber auch die Kirchgemeinden.
Ja, und sie können durchaus auch ohne Theologen leben. Ein grosser Teil der Gemeinden weltweit funktioniert so.

Braucht es denn überhaupt Pfarrer?
Gemeinden ohne theologisch ausgebildete Fachleute sind erfahrungsgemäss mehr von der Meinung einzelner Mitglieder abhängig, oft gerade von den zahlungskräftigen oder sonst mächtigen; und sie konzentrieren sich meist rasch auf sich selber. Eine solche eher evangelikale Haltung ist häufig verbunden mit dem Rückzug aus der gesellschaftlichen Debatte. Die Kirche beruft sich jedoch auf die Botschaft Jesu, und die ist auf die gesamte Gesellschaft hin ausgerichtet – eine verändernde Kraft hin zu mehr Gerechtigkeit und Frieden, zu Befreiung, zu einem Leben in Fülle für alle.


Ist es die Aufgabe der Kirchen, aus dem Material der biblischen Botschaft Werte für die heutige Gesellschaft aufzubereiten, sozusagen als Angebot für alle?
Auch die Menschen ausserhalb der Kirche brauchen Support, Vergewisserung, Orientierung, damit sie nicht irgendeinem Modewert aufsitzen. Die Kirche soll deutlich machen: Die Botschaft Jesu hat viele unterschiedliche Geschichten, Bedeutungen, Ebenen; aus ihr kommt der Anspruch, die Welt zu gestalten, Impulse in die Gesellschaft zu geben, weil Gott der Welt eine gute Zukunft geben will.

Sie haben die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer während ihres Vikariatsjahrs begleitet. Sind solche Ansprüche auch Lernstoff?
Natürlich; Pfarrerinnen und Pfarrer üben ihren Beruf als Personen des öffentlichen Lebens mit einem politischen Auftrag aus. Mit dieser Rolle müssen sich die meisten zuerst einmal vertraut machen, denn sie haben aus ganz anderen Gründen Theologie studiert.


Eine Studie sagt der reformierten Kirche in den nächsten Jahren einen markanten Mitgliederschwund voraus. Braucht es da überhaupt noch Nachwuchs?
Und ob! Wenn ich selbstkritisch zurückschaue, muss ich feststellen, dass der Nachwuchsförderung zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Wir werden schon in einem Jahrzehnt einen Mangel an Pfarrerinnen und Pfarrern haben. Und im Übrigen sind solche Studien mit Vorsicht zu geniessen. In den Sechzigerjahren wurden vom Wirtschaftsprofessor Kneschaurek ähnliche Aussagen gemacht, sie erwiesen sich als falsch.


Inwiefern?
Der Kirche gelang es vor und nach 1968, wichtige Themen aufzunehmen und mitzutragen: die Friedensbewegung, die ökologische und die feministische Bewegung. Viele Menschen in der Kirche haben sich dafür eingesetzt, und das strahlte in die Gesellschaft aus. Ich hoffe, dass sich in der Zukunft Ähnliches entwickeln wird, zum Beispiel ein dezidiertes Einstehen für die Menschenrechte und gegen Gewalt.


Was macht eine gute Pfarrperson aus?
Ein bewusstes und reflektiertes Zusammenspiel verschiedener Voraussetzungen: Persönlichkeit und Erfahrung, die Ausbildung an der Uni, im Vikariat – und die Liebe zu den Menschen und zur Welt. Interessante Leute sind jene, deren Lebensweg nicht geradlinig verläuft, Frauen zum Beispiel, die Familienzeit hinter sich haben; jene, die mit dem Pfarramt einen Zweit- oder sogar Drittberuf ergreifen; jene, die im Ausland lebten – sie alle bringen ein grosses Potenzial an Erfahrungen mit, auch Erfahrungen mit Umwegen, mit Brüchen im Lebensweg.

Und welche Eigenschaften sind hinderlich?
Narzissmus und Autismus, Menschen mit wenig Selbstbewusstsein und eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit, Menschen, die nicht zu sich selber Distanz nehmen können, mit eingeschränktem Horizont, mit Unlust an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Haben Frauen im Pfarramt etwas Besonderes einzubringen?
Sie haben in den meisten Fällen einen freieren Zugang zu der biblischen Botschaft, nicht allein über den Verstand, wie es in der Theologie lange üblich war; sie bringen eine emotionale oder spirituelle Lesart ein. Die Bezugspunkte zu einem biblischen Text sind dadurch vielfältiger geworden, und das tut dem Evangelium gut.


Und die Ausländer im Pfarramt?
Auch Pfarrerinnen und Pfarrer aus anderen Kulturkreisen, mit anderen Sprachen und Hintergründen tun dem Evangelium gut. Es entspricht dem Weltverständnis der Reformierten, denn es bedeutet: in der Verschiedenheit leben und die Verschiedenheit lieben; und es bringt eine Öffnung zur Welt. Aber bis diese Integration eingeübt ist, dauert es wohl noch einige Jahre. Interview: Käthi Koenig



Hans Strub, 65 war Lehrer, Pfarrer und Studienleiter. Seit 1987 ist er Leiter der Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (a + w) in Zürich. Fast die Hälfte der Pfarrer und Pfarrerinnen in den Deutschschweizer Gemeinden – ausser im Kanton Bern – wurde in der Vikariatszeit von ihm begleitet. Hans Strub geht Ende August in Pension.