Ein lebendiger Schutzschild für die kolumbianische Zivilbevölkerung: Pater «Chepe» Schönenberger (Bild: Marcel Kaufmann)
Ein lebendiger Schutzschild für die kolumbianische Zivilbevölkerung: Pater «Chepe» Schönenberger (Bild: Marcel Kaufmann)
Erstellt: 30.07.2010
Gefährliche Mission in Kolumbien
Palmöl/ In Kolumbien tobt ein Krieg ums Palmöl. Der Schweizer Priester «Chepe» Schönenberger will Bauern vor Vertreibung und Ausbeutung schützen.

Der Bauer Chlodomira Ibarguen hasst die Ölpalme. Sie ist für ihn Symbol des Unheils. Seine Frau und seine Töchter starben auf der Flucht vor den Paramilitärs, die ihnen ihr Ackerland für den Palmanbau wegnahmen. «Diese Vertreibung ist Alltag in der Provinz Chocó im Nordwesten Kolumbiens, wo das grosse Geschäft mit dem Palmöl winkt», weiss der Schweizer Pater «Chepe» alias Josef Schönenberger (62). Seit 2006 arbeitet er im Auftrag der Menschenrechtskommission «Leben, Gerechtigkeit und Frieden» der Bethlehem-Mission Immensee in Quibdó, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Zusammen mit dem Genfer Filmemacher Frank Garbely drehte er einen Film über die massiven Menschenrechtsverletzungen in den Urwäldern in Chocó.

Feldzüge gegen Zivilisten. «Ich will den Menschen hierzulande bewusst machen, dass der Betrieb von Autos mit Agrotreibstoffen Menschenleben kostet», sagt Schönenberger. In seinem Geburtsort Degersheim, wo er jeweils während seines Schweiz-Aufenthalts im Elternhaus wohnt, breitet er eine Landkarte Kolumbiens auf dem Tisch aus. 40 000 Hektaren Land seien den Bewohnern des Chocó seit Beginn des Palmölbooms 1996 geraubt worden, landesweit sogar 350 000 Hektar. Und die Regierung will die Anbauflächen in den nächsten Jahren auf sechs Millionen ausweiten. «Wer sich weigert, sein Land herauszugeben, wird erpresst, vergewaltigt, verschleppt», sagt Schönenberger. Meist rücken die regierungsnahen Paramilitärs an und ermorden einen oder mehrere Dorfbewohner mit der Begründung, es seien Angehörige der extremen marxistischen Guerilla FARC. «In Wahrheit operieren die Paramilitärs jedoch im Auftrag von multinationalen Unternehmen», meint Schönenberger. Schätzungsweise Zehntausende Kleinbauern wurden in der Provinz Chocó auf diese Weise vertrieben. Er selbst lebt manchmal für mehrere Monate in den bedrohten Dörfern. «Zusammen mit den Dorfbewohnern stellen wir Regeln für ihre Sicherheit auf.» Der Pater ist dabei ein lebender Schutzschild. Denn nur die Präsenz von Weissen sowie internationale Publizität halten die Angreifer zurück. «Es ist niederschmetternd, wenn unmittelbar nach meinem Abzug bereits die Paramilitärs wieder im Dorf einrücken und Menschen töten.» Dennoch hält er die Menschenrechtsarbeit der Bethlehem-Mission Immensee derzeit für die einzige Chance, die Menschen über ihre Rechte aufzuklären, die mit Füssen getreten werden. Aber auch die Menschenrechtler sind nicht unangreifbar. In den vergangenen Jahren wurden fünf Missionare getötet.

Geschäft mit Palmöl. Auch die Vertriebenen sind bei einer Rückkehr in ihr Dorf ständig in Gefahr, weil das Land weiterhin von Paramilitärs beherrscht wird. «Die Opfer hoffen auf Wiedergutmachung für ihren Verlust an Boden und Tieren», sagt Schönenberger. Aber nur in wenigen Fällen werden die Menschenrechtsverbrechen gerichtlich verfolgt. Für den Staat zählt nur der wirtschaftliche Profit. Kolumbien soll nach den Visionen seines vor Kurzem abgetretenen Präsidenten Alvaro Uribe zum drittgrössten Palmölproduzenten nach den USA und Indonesien aufsteigen. Knapp vierzig Prozent des kolumbianischen Palmöls werden vor allem nach Europa exportiert – für die Nahrungs- und Kosmetikindustrie sowie zur Energiegewinnung. Angesichts des wachsenden Energiebedarfs weltweit wird die Nachfrage weiter steigen. Denn laut EU-Beschluss sollen zehn Prozent des Gesamtkraftstoffverbrauchs bis 2020 aus Agrotreibstoffen bestehen. Der Kurs der Schweiz in Sachen Agrotreibstoffe ist derzeit offen. Der Ständerat lehnte im Gegensatz zum Nationalrat ein fünfjähriges Moratorium für die Einfuhr von Agrotreibstoffen ab.

Ökologie. Kritiker führen auch die verheerenden ökologischen Folgen der Palmölproduktion ins Feld. Die Monokulturen bedrohen die biologische Vielfalt in der Provinz Chocó und rauben die landwirtschaftliche Fläche für die Nahrungsmittelproduktion. In vielen Ländern führte der Plantagenbau bereits zu Hungerrevolten. Manuela Ziegler

Vertriebenwegen Palmöl
In den letzten Jahren verwandelte sich Palmöl zum «grünen Gold». Aus der Frucht der «palma africana» wird Treibstoff hergestellt, und sie wird auch als Zusatzstoff für Kosmetika und Lebensmittel eingesetzt. Durch den Palmöl- boom wurden in der Pro- vinz Chocó im Nord- westen Kolumbiens Zehn- tausende von Klein- bauern vertrieben. Menschenrechtler wie der aus dem Toggenburg stammende Pater Josef «Chepe» Schönenberger versuchen, die Bedroh- ten in ihren Dörfern zu schützen. Schönenberger ar- beitet im Auftrag der Beth- lehem Mission Immen- see und lebt mit Unterbrüchen seit mehr als zwanzig Jahren in Kolumbien. Seit 2006 arbeitet er für die regionale Menschen- rechtskommission der Mission im Chocó. bu