Andreas Fischer und Annelies Hegnauer haben den Besinnungsweg Zürich-Nord initiiert (Bild: Christine Bärlocher)
Andreas Fischer und Annelies Hegnauer haben den Besinnungsweg Zürich-Nord initiiert (Bild: Christine Bärlocher)
Erstellt: 30.07.2010
Meditieren im Schatten des Heizkraftwerks
Stadtpilgern/ 25 Stationen bilden in Zürich-Nord einen spirituellen Weg.

Ab Mitte August wird – von 25 Worten ausgehend – in den Quartieren von Zürich–Nord ein Wegenetz geknüpft. An verschiedenen Wegpunkten sind auf silbrig polierten Metalltafeln in schwarzen Lettern Begriffe wie Heimat und Hoffnung, Einsamkeit und Erquickung eingraviert. Während der Begriff Einsamkeit der trostlosen, mit Graffiti übersäten Unterführung Zehntenhaus in Zürich-Affoltern zugeordnet ist, blitzt im Sonnenlicht des Katzensees das Wort Vollkommenheit auf. Disparates zusammenzubringen, Hässliches mit dem Schönen, Destruktives mit dem Harmonischen zusammenzuführen – das umreisst schon das Ziel des Wörter- weges, der sich durch die Zürcher Kreise 11 und 12 schlängelt. Am unteren Rand der Metalltafeln findet sich die Internetadresse: www.besinnungswegzuerichnord.ch.

Verweilen am Unort. Der Stadtwanderer kann gleich mit dem Handy ins Netz gehen. Denn zu jedem Begriff finden sich Gedankenanstösse – meist von Pfarrern verfasst. Damit ist auch klar: Hinter dem Besinnungsweg stecken reformierte Kirchgemeinden, nämlich Affoltern, Oerlikon, Saatlen, Schwamendingen und Seebach. Die Idee, gedankliche Stolpersteine in den Quartieren von Zürich-Nord auszulegen, umschreibt Andreas Fischer, einer der Hauptinitiatoren, so: «Jeder Begriff wirft ein neues Licht aufs Quartier und umgekehrt.» Fischer, Pfarrer der Kirchgemeinde Zürich-Schwamendingen, hat selbst eine Reflexion zu einem Begriff an einem scheinbar traurigen Ort übernommen: Zerstörung. Da, wo sich die Autobahnen beim Heizkraftwerk an der Aubrugg kreuzen, steht diese Tafel. Sein Besinnungstext verliert sich indes nicht in hohler Zivilisationskritik. Stattdessen appelliert Fischer, an dem sogenannten Unort zu verweilen, da, wo andere durcheilen. Unter dem Stichwort «Welt wahrnehmen» gibt er Tipps, wie Hässliches und Unangenehmes neu wahrgenommen werden können und sich so beinahe in einen Meditationsgegenstand verwandeln.

Spirituelle Visitenkarten. Mit seinem Text-Impuls hat der reformierte Pfarrer ganz nebenbei seine spirituelle Visitenkarte abgegeben – er, der sich nach seinem Vikariat zwei Jahre lang bei den Jesuiten in Schönbrunn in Zen-Exerzitien vertieft hatte. Und dies tun alle anderen Autoren ebenso. Insofern erkennt man an den Reflexionen zu den 25 Begriffen schnell das theologische Profil ihrer Autoren und sieht auch: Unterm Dach der Landeskirche führen viele Wege zum Heil. Dass die Kirchgemeinden einen spirituellen Wörterweg anlegen und existenzielle Schlüsselbegriffe als Denkanstösse in den öffentlichen Raum stellen wollten, stiess bei den Behörden erst auf Abwehr. Die Projektleiterin und Präsidentin der Kirchenpflege Schwamendingen, Annelies Hegnauer, erinnert sich, dass die Beamten religiöse Propaganda befürchtet hätten. Bald sahen die städtischen Ämter: Die Botschaft kommt unaufdringlich und reflektiert daher.

Ohne Kirchturmoptik. Hegnauer betont, dass das Projekt bewusst mit einer sozialen Komponente konzipiert wurde. So stellte eine Sozialwerkstatt der Stadt Zürich die Metallschilder her. Finanziert wurde das Projekt aus dem Jubiläumsfonds zum hundertjährigen Bestehen des Stadtverbandes der Zürcher Kirchgemeinden. Bedingung: Ein Projekte zu finden, an dem mindestens drei Gemeinden mitmachen. Diese Vorgabe sollte die beteiligten Kirchgemeinden dazu bringen, ihre Kirchturmoptik aufzugeben. Das Einweihungsfest am 22. August wird es beweisen: Bei dem Kirchgemeinden-Quintett aus Zürich-Nord klappt die Kooperation.
Delf Bucher

Peter Stamm liest
Beim Einweihungsfest in Zürich-Oerlikon am 22. August wird Stadtrat Gerold Lauber sprechen, der Autor Peter Stamm lesen und Bruno Reich ein Orgelfeuerwerk beisteuern. Kinder werden von Ursula Pfister in den «Geschichtewage» eingeladen.
Programm und Wegbeschreibung unter: www.besinnungswegzuerichnord.ch