| Erstellt: 30.07.2010 | |
Frage: Zugegeben – ich bin seit der Konfirmation nicht mehr in die Kirche gegangen. Ich habe meinen Glauben, und der geht nur mich etwas an. Und ich denke nicht daran, aus der reformierten Kirche auszutreten. Nun ist es aber mit einer Freundin, die in der Kirchgemeinde aktiv mitmacht, zu einem heftigen Streit gekommen. Er gipfelte in ihrer Äusserung: «Nur wer aktiv mitmacht, darf auch mitreden!» Dazu möchte ich Ihre Meinung hören. I. F.
Antwort. Liebe Frau F., davon habe ich auch schon geträumt, dass, wenn es zum Beispiel um Ausländerfragen geht, nur diejenigen Stimmberechtigten in unserem Land abstimmen dürften, die sich auf die eine oder andere Weise in der Integrationsarbeit betätigen. Aber dem ist natürlich und zum guten Glück nicht so! Fragen des Gemeinwesens, der Gesellschaft – und dazu gehören auch die Kirchgemeinden – gehen alle Stimmberechtigten an. Das ist ein Grundsatz, hinter den wir nicht zurück können. Ich verstehe darum Ihre Verärgerung über die Bemerkung Ihrer Freundin. Und ich teile sie voll und ganz.
Als Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche ist es Ihr volles Recht und sogar Ihre Pflicht mitzudenken und mitzureden, ob Sie nun aktiv oder gar nicht am Gemeindeleben teilnehmen. Das dürfen Sie sich auf keinen Fall nehmen oder schlechtmachen lassen.
Dazu kommt noch, dass ich als Reformierter darauf stolz bin, dass es gerade bei uns niemals als Makel angesehen wurde und wird, wenn jemand reformiert ist, sich aber ganz am Rand der Kirchgemeinde aufhält. Wir Reformierte haben einerseits ein unendliches Vertrauen, dass jeder an seinem Ort und auf seine Art seinen Glauben lebt, und andererseits, dass er je nach Bedürfnis und Lebensalter aktives oder «pausierendes» (einen besseren Ausdruck habe ich nicht gefunden) Mitglied der Kirchgemeinde sein kann. Es ist in jedem Fall Ihr gutes Recht. Und es hat keine Folgen für Ihre Mitsprache. Im Gegenteil! Es ist die Pflicht jeder Kirchgemeinde, solange wir noch demokratisch verfasste Volkskirche sind, alle ihre Mitglieder im Blickfeld zu haben, Ihre Freundin und Sie!
Wenn Sie noch meinen Eingangsgedanken im Kopf haben, können Sie aber auch nachvollziehen, dass ich dem «Traum» Ihrer Freundin auch etwas Verständnis entgegenbringe. Wer sich für und in einer Sache engagiert, hat manchmal schnell das Gefühl, dass andere – die sich davon fernhalten – auf keinen Fall mitreden sollten!
Ich schaue es als eine unserer grössten Aufgaben innerhalb der reformierten Kirche (wie auch innerhalb unseres Staates) an, dass wir strukturell, thematisch – mit Worten und Taten – so auftreten können, dass alle den Mut zum Mittun oder Mitreden bekommen. Ich habe auch nicht den Anspruch, dass dabei alles harmonisch ablaufen muss. Ich weiss, dass viele Themen Streit auslösen können. Darum ist es mir wichtig, dass wir in der Kirche eine Streitkultur lernen, die auf die Lösung der anstehenden Fragen ausgerichtet ist. Gott hat weder verlangt, noch uns versprochen, dass unser Leben eine harmonische oder gar einfache Sache wird. So, wie ich ihn verstanden habe, freut es ihn aber immer wieder, wenn möglichst viele sich an seiner Sache beteiligen – mein Wunschtraum dabei: alle!
Roman Angst-vonwillerist Theologe und arbeitet als Seelsorger in der «Bahnhofkirche» des Zürcher Hauptbahnhofs (rba@uav.ch)IN DER Rubrik «Lebens- und Glaubensfragen» beantwortet ein theologisch und psychologisch ausgebildetes Team Ihre Fragen. Alle Anfragen werden beantwortet. In der Zeitung veröffentlicht wird nur eine Auswahl. Senden Sie Ihre Fragen an: «reformiert.», Lebensfragen, Postfach, 8022 Zürich lebensfragen@reformiert.info






