Im Dialog: Pfarrer Lars Sympson (christkath.), Halit Duran (musl.), Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen (ref.), Bischofsvikar Christoph Sterkmann (röm.-kath.) (Bild: Reto Schlatter)
Im Dialog: Pfarrer Lars Sympson (christkath.), Halit Duran (musl.), Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen (ref.), Bischofsvikar Christoph Sterkmann (röm.-kath.) (Bild: Reto Schlatter)
Erstellt: 30.07.2010
Religionen vernetzen sich
Dialog/ Ende Juni trafen sich kantonale Vertreterinnen und Vertreter von Christentum, Judentum und Islam. Sie suchten nach einer gemeinsamen Basis für die künftige Zusammenarbeit.

«Wir werden noch zu arbeiten haben, bis wir uns wirklich verstehen», stellte Claudia Bandixen, Kirchenratspräsidentin der reformierten Landeskirche Aargau, zu Beginn des Abends klar. Am 23. Juni fand unter dem Titel «Nach der Minarettinitiative – wie weiter?» das erste interreligiöse Treffen von Theologinnen und Theologen und Gemeindeleitenden im Kanton Aargau statt. Organisiert hatten es das Aargauer reformierte Pfarrkapitel und die römisch-katholische Pastoralkonferenz im Aargau, mit Unterstützung des Verbands Aargauer Muslime. Es war zugleich das erste Mal, dass sich Pfarrpersonen der Landeskirchen und der christkatholischen Gemeinde trafen.

Fremdenfeindlich. Die Diskussion, was nun, ein halbes Jahr nach der Abstimmung über die Minarettinitiative, geschehen soll, könne nicht der Politik oder dem Zufall überlassen werden, betonte Claudia Bandixen. Die Kirchen müssten eigene Wege finden, um den diffusen Ängsten zu begegnen. Halit Duran vom Verband Aargauer Muslime (VAM) sagte dazu: «Ich bin überzeugt, dass das Misstrauen nicht gegen Muslime gerichtet ist, sondern gegen Religiöses in der Öffentlichkeit.»

Gastfreundschaft. In seinem Einleitungsreferat ging Hanspeter Ernst vom Lehrhaus Zürich der Frage nach, wie es zur Minarettinitiative kommen konnte. Er zeigte auf, dass fundamentalistisch-evangelikale Kreise eine grosse Rolle gespielt hatten. «Sie benutzten das Minarett als Feindbild, um ‹christliche› Werte zu propagieren. Dabei stützten sie sich auf eine ‹Unverträglichkeit der christlichen und islamischen Kultur›, die Menschen auf ihre Religionszugehörigkeit reduziert.» Der Religionswissenschafter betonte, dass diese Sicht die verschiedenen Ausprägungen des Islam negiere. «Die Religion ist nur einer von vielen Faktoren, die eine Kultur prägen.» Was gemeinhin als Islamophobie oder Angst vor dem Islam bezeichnet werde, sei nichts anderes als Fremdenfeindlichkeit. Für eine Begegnung «auf gleicher Augenhöhe» mit Muslimen empfahl Ernst, sich mit anderen Traditionen vertraut zu machen und gemeinsame Regelungen für bestimmte Situationen zu finden. Vor allem aber brauche es Lernbereitschaft, über den fremden Blick Eigenes erkennen zu wollen. «Mich wundert zum Beispiel, dass in den Kirchen Gastfreundschaft bisher kaum ein Thema war, obwohl sie in beiden Religionen ein Grundwert ist.»

Kirche vor Politik. In vier regionalen Gruppen wurde daraufhin die Frage diskutiert, wie gegenseitiges Vertrauen entstehen und wachsen kann. «Wir wollen herausfinden, was uns gemeinsam betrifft», umschrieb Simon Pfeiffer, Islambeauftragter der reformierten Kirche im Aargau, das Ziel dieses ersten Treffens. Einig waren sich alle Anwesenden, dass man jetzt «wegkommen muss von Vorträgen und grossen interreligiösen Feiern». Halit Duran betonte, dass es normale Begegnungen brauche. «Am einfachsten geht das über gemeinsame Interessen oder über Fragestellungen zu aktuellen Themen wie zum Beispiel die Diskussion um den Wert des Lebens.» Er sei überzeugt, dass sich über die Kirchen eher eine gemeinsame Basis finden lasse als über die Politik.

Schrittchenweise. Dass es ein langer Prozess der kleinen Schritte sein wird, machten einige Diskussionsbeiträge klar. So erzählte ein Teilnehmer, dass ein gemeinsames Fastenbrechen mit Muslimen von der Kirchgemeinde untersagt worden sei, «weil es dabei zu Kultushandlungen kommen könnte, welche den Raum entweihen». Ein Lehrer erwähnte, dass muslimische Kinder ein «schlechtes Gewissen» hätten, weil sie mit ihrer Religion auffallen. Zur Sprache kamen aber auch positive Beispiele wie die regelmässigen interreligiösen Frauengespräche, die im Aargau stattfinden.

Jährliche Treffen. Der Abend endete mit konkreten Vorschlägen, die in der Region weiterverfolgt und umgesetzt werden sollen, zum Beispiel Gastfreundschaft in Form einer «Teilete», ein gemeinsamer Bocciaabend, gegenseitiges Vorlesen aus der Bibel und aus dem Koran. Eine Gemeinde möchte den Imam an die Einsetzungsfeier des neuen Pfarrers einladen, und der Moschee-Verein in Buchs will sich am Jugendfest mit einem eigenen Stand vorstellen. Eine Mehrheit der Anwesenden beschloss, dass sich die Gemeindeleiter des ganzen Kantons fortan einmal im Jahr zu einer Art interreligiöser Pastoralkonferenz treffen wollen, um gemeinsame Anliegen zu besprechen. Rita Torcasso

Interreligiöser Stammtisch
Jeweils am 15. des Monats findet an der Feer- strasse 8 in Aarau von 19.30 bis 21.30 Uhr ein interreligiöser Stammtisch statt. Dort begegnen sich Menschen, die am Austausch mit Angehörigen anderer Religionen inte- ressiert sind. Das nächste interreligiöse Frauengespräch findet am 13. September, von 19.30 bis 21.30 Uhr statt, ebenfalls an der Feerstrasse 8 in Aarau.

weitere informatonen www.airak.ch und www.frauenaargau.ch