Susanne Huser im Garten ihres Elternhauses in Wettingen (Bild: Reto Schlatter)
Susanne Huser im Garten ihres Elternhauses in Wettingen (Bild: Reto Schlatter)
Erstellt: 30.07.2010
Endlich eine eigene Wohnung
Autonomie/ Susanne Huser zieht ins neue Wohnhaus Aargau nach Dättwil. Dort kann sie trotz ihrer körperlichen Behin- derung eigenständig leben.

Susanne Huser sitzt in der Morgensonne in ihrem wunderschönen Garten. Grosse Hortensienbüsche blühen unter einem alten Birnbaum. Hier, in ihrem Elternhaus in Wettingen, wohnt die 43-Jährige seit ihrer Geburt. «Bald werde ich keinen Garten mehr haben, sondern nur noch einen Sitzplatz auf einer Dachterrasse», sagt sie schmunzelnd. Mitte August zieht Susanne Huser nämlich in ihre erste eigene Wohnung. Das Wohnhaus Aargau, das am 9. August in Dättwil eröffnet wird, bietet Menschen mit einer schweren Körperbehinderung 24 Studios, in denen sie so selbstständig wie möglich wohnen können. Per Steuerungssystem am Rollstuhl lassen sich Türen öffnen, Rollläden herunterlassen, die Heizungen regulieren und vieles mehr. Im Haus anwesend ist Pflege-, Assistenz- und Reinigungspersonal, das die Bewohner in den alltäglichen Verrichtungen unterstützt. Wer nicht selbst kochen kann, isst im öffentlich zugänglichen Restaurant.

Keine Wahl. Trägerin des Wohnhauses Aargau ist die Stiftung Zentren Körperbehinderte Aargau (Zeka). Finanziert wird das Projekt, zu dem auch Arbeits-, Ausbildungs- und Beschäftigungsplätze gehören, durch Spenden, Beiträge vom Bund und eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Aargau. Das Land stellen die Stadt Baden und die reformierte Kirchgemeinde Baden, die zudem ein ökumenischen Zentrum im Haus mitlanciert hat, im Baurecht zur Verfügung. Das Wohnhaus ist das erste seiner Art im Kanton. Menschen wie Susanne Huser, die zwar körperlich eingeschränkt, aber geistig gesund sind, hatten bisher keine Möglichkeit, in einer eigenen Wohnung zu leben. Wer aus dem Elternhaus ausziehen wollte oder musste, hatte nur die Wahl zwischen einer In- stitution für Menschen mit einer geistigen Behinderung oder einem Alters- und Pflegeheim – beides keine angemessenen Orte. Susanne Huser erzählt: «Ich verbrachte eine Schnupperwoche in einem Wohnheim für geistig Behinderte. Dort fühlte ich mich fehl am Platz. Richtig unterhalten konnte ich mich nur mit den Betreuern.» In ein Pflegeheim wollte sie nicht: «Das ist kein Ort für jüngere Menschen.» In einigen Kantonen gibt es bereits Institutionen wie das Wohnhaus Aargau, die für Menschen aus anderen Kantonen jedoch teuer sind.

Wichtige Bedürfnisse. Die Stiftung Zeka engagiert sich seit 1966 für die Betreuung und Förderung von Menschen mit Körperbehinderungen im Aargau. Ziel ist deren grösstmögliche Selbstständigkeit und Integration. Petra Bolfing, Leiterin Public Relations und Fundraising bei der Zeka, bemängelt: «Wenn Kinder mit körperlicher Behinderung aus der Schule kommen, haben sie praktisch keine Möglichkeit, selbstständig zu leben.» Es habe in den letzten Jahren jedoch ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden. Das Bedürfnis von Menschen mit Behinderungen nach einem selbstbestimmten Leben würde zunehmend anerkannt. Vor zehn Jahren wurde die Aargauer Politik aktiv. Damals gelangte der Kanton mit der Frage an die Zeka, ob sie die Trägerschaft für ein Wohnhaus übernehmen würde. In der Folge entschied sich die Stiftung, nicht mehr länger nur Kinder und Jugendliche schulisch und therapeutisch zu fördern, sondern sich auch für Erwachsene mit körperlicher Behinderung einzusetzen. Eine Arbeitsgruppe klärte Bedürfnisse und Möglichkeiten ab, bis schliesslich das Grundstück in Dättwil für das Wohnhaus ausgewählt wurde.

Neue Erfahrungen. Im Erdgeschoss des Hauses haben die reformierte Kirchgemeinde Baden und die katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden das neue Ökumenische Zentrum Dättwil eingerichtet. «Das Projekt ist zukunftsweisend», sagt der reformierte Kirchenpflegepräsident, Daniel Strebel. In der Überzeugung, dass Kirche nahe bei den Menschen sein müsse, habe man gemeinsam beschlossen, einen ökumenischen Gottesdienstraum, einen Raum der Stille und weitere Veranstaltungsräume zu realisieren. Hier finden Anlässe der beiden Kirchgemeinden statt, die auch für die Bewohner des Wohnhauses offen sind.
Susanne Huser freut sich auf ihren Einzug, auch wenn sie am liebsten weiterhin in Wettingen gewohnt hätte. Hier arbeitet sie im Büro des Autohändlers Baschnagel, hier hat sie zahlreiche Freunde und Bekannte. «Jetzt werde ich eben pendeln», sagt sie. Ihren Job möchte sie behalten. Dazu wird sie auf den Bus angewiesen sein. «Auch das ist eine neue Erfahrung», sagt sie mit leuchtenden Augen. Mit ihr ziehen im August dreizehn weitere Personen ins Wohnhaus, mehr kommen im Lauf der nächsten zwei Jahre dazu. Susanne Huser kennt noch niemanden. «Ich bin sehr gespannt!» Da sie ab und zu im Restaurant essen wird und sehr kommunikativ ist, dürfte sie sich nicht lange alleine fühlen. Aufgeregt sagt sie: «Was andere mit zwanzig erleben, erfahre ich erst jetzt, mit 43 Jahren.» Anouk Holthuizen

Tag der offenen Tür
Am Samstag, 7. August, von 11 bis 16 Uhr, öffnet das Wohnhaus Aargau seine Türen für die Öffentlichkeit. Die Besucherinnen und Besucher können das ganze Haus und das Ökumenische Zentrum individuell besichti- gen. Zudem gibts Köstlichkeiten vom Grill.
www.zeka-ag.ch