«Christen sollten sich überall im Irak frei bewegen können!», fordert Erzbischof Avak Asadourian aus Bagdad
«Christen sollten sich überall im Irak frei bewegen können!», fordert Erzbischof Avak Asadourian aus Bagdad
Erstellt: 30.07.2010
«Ich will nicht, dass Christen im Ghetto landen»
Christentum/ Avak Asadourian, armenischer Erzbischof von Bagdad, findet die Lage vieler Christen im Irak schwierig. Von Verfolgung will er nicht sprechen.

Herr Erzbischof Asadourian, Sie leben in Bagdad. Wie sind die Lebensumstände dort?
Die Situation ist dramatisch. Ein Beispiel: Der Irak ist aufgrund seines Erdöls eines der reichsten Länder der Erde. Und doch gibt es in Bagdad kaum mehr Elektrizität, und die Menschen müssen stundenlang anstehen, um Benzin zu erhalten.

Westliche Medien berichten über Druck, dem Christen ausgesetzt sind. Wie sieht Ihr Leben aus? Fühlen Sie sich bedroht?
Ich habe keine Angst und ziehe mich auch nicht zurück. Das habe ich nie getan – weder als Privatperson noch als Bischof. Ich habe Gottvertrauen und erledige meine tägliche Arbeit. Die Dinge, die getan werden müssen, tue ich. Das machen die Mitglieder anderer christlicher Gemeinschaften auch. Aber natürlich hängt die persönliche Lage auch von dem Quartier in Bagdad ab, in dem man wohnt. In Dora beispielsweise ist es sehr schwierig für Christen – deshalb verlassen viele die Stadt. Sehr schwierig ist es auch in der Stadt Mosul.

Hat sich seit der Entmachtung Saddam Husseins 2003 die Lage im Irak verändert?
Die Lage ist jetzt sehr viel besser als unter der Diktatur. Aber wir haben keine Sicherheit. Regierung, Polizeikorps und Armee sind zu schwach und werden zudem abgebaut – sie können sich nicht um die Sicherheitslage kümmern.

Wie ist die Situation für Christen?
Sie ist in vielen Teilen des Iraks tatsächlich nicht gut, wir verlieren Christen. Sie fliehen beispielsweise aus den oben geschilderten Gründen aus Bagdad. Und das, obwohl sie ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind – schon seit den Zeiten des Apostels Thomas lebten Christen in Bagdad. Aber nicht allein Christen leiden unter der fehlenden Sicherheit, auch Muslime – und auch sie verlassen die Stadt. Weil viele gut ausgebildete Leute weggehen, kommt das Land kaum voran. Dieses Problem betrifft also die gesamte Gesellschaft.

Sie würden also nicht von Christenverfolgung im Irak sprechen?
Nein, das würde ich nicht. Es gibt zwar antichristliche Vorfälle, aber nicht jeden Tag und nicht von politischen Parteien bewirkt. Christen werden also nicht systematisch und organisiert verfolgt – aber sie werden von einigen Fanatikern zu Zielscheiben gemacht. Es gibt islamische Extremisten, die für diese Ereignisse verantwortlich sein könnten. Aber es geschieht aus verschiedenen Gründen, nicht nur aus religiösen.

Was heisst das konkret?
Einerseits gibt es Kriminelle, die es auf das Eigentum von Christen abgesehen haben. Aber natürlich passiert es auch, dass wir Christen wegen unserer Religion flüchten müssen. Das sollte jedoch nicht aufgebauscht werden – auch andere Menschen müssen flüchten. Auch Muslime sind getötet worden. Jeder von uns kann zur Zielscheibe gemacht werden. Das ist nicht ein Problem, das ausschliesslich Christen betrifft. Wir müssen aufpassen, wie wir uns ausdrücken, weil es im Irak keine einfachen Antworten gibt – auch wenn ich natürlich weiss, dass Ihr Europäer immer klare Antworten wollt. Aber die gibt es nicht.

Ein anderes Thema: Sie sind der Vorsitzende des «Rates der christlichen Führer im Irak». Was will diese Organisation?
Wir haben den Rat im Februar dieses Jahres gegründet und treffen uns mindestens zweimal monatlich, um über die allgemeinen Probleme der Christen zu sprechen. Durch den Rat können wir gegenüber dem Staat und den muslimischen Führern mit einer Stimme sprechen. Wir reden dabei über Fragen wie: Warum verlassen Christen das Land? Dazu haben wir der Regierung einen Bericht übergeben. Ihre Haltung zum Wegzug der Christen ist: Wir wollen nicht, dass die christliche Bevölkerung das Land verlassen muss. Eine ähnliche Haltung vertreten auch andere Regierungen des Nahen und Mittleren Ostens.

Was tut die irakische Regierung gegen die Auswanderung der Christen?
Lassen Sie mich ein Beispiel bringen: Vor einigen Jahren bat der Premierminister den Papst, einen Appell an die Christen zu richten, damit sie im Land bleiben. Als danach einige von uns christlichen Führern den Premierminister trafen, sagten wir zu ihm: Gute Absichten sind nicht genug. Sie als Regierende haben etwas zu unternehmen, um Schutz und Sicherheit zu gewährleisten und Arbeitsmöglichkeiten und Jobs zu schaffen. Es geht nicht darum, Menschen aus der Gefahr herauszubringen, sondern vielmehr darum, die Sicherheit ins Land hereinzubringen.

Einige irakische Politiker und Kirchenführer fordern eine christliche Selbstverwaltung in der Ninive-Ebene im Norden des Iraks.
Der Rat hat nicht darüber zu befinden, wo Menschen im Irak leben sollten. Das Land sollte allen Menschen offenstehen, damit sie dort leben können, wo sie wollen. Wir vom Rat glauben, dass es möglich sein sollte, dass sich Christen überall im Irak frei bewegen können. Ich will nicht, dass Christen im Ghetto landen. Dieses Land ist auch ihr Land.

Wagen Sie eine Prognose? Wie sieht es in der Zukunft mit den Christen im Irak aus?
Wenn sich die Situation nicht verbessert, werden Christen den Irak verlassen – so wie den gesamten Mittleren Osten: aufgrund politischer Gründe und fehlender Arbeitsmöglichkeiten, aber auch, weil man auf uns als Christen herabsieht.

Wie meinen Sie das?
Weil wir Christen sind, werden wir mit dem Westen identifiziert. Und die Menschen im Westen sagen wiederum: Ihr lebt im Mittleren Osten, ihr seid Araber. So treffen uns die Vorurteile beider Seiten, verstehen Sie? Die Christen im Irak werden auch zum Ziel von Anschlägen, weil die Leute sagen: Die Amerikaner sind Christen, und deshalb haltet ihr zu ihnen. Ich meine: Wenn Leute gegen Christen handeln wollen, finden Sie immer einen Grund dazu.

Wie könnten die Christen in Europa helfen?
Zum einen, indem sie im Dialog mit uns bleiben und die Kirchen im Irak ermutigen, hier ihre Arbeit zu tun. Zum anderen aber können die Kirchen im Ausland uns beim Aufbau von Strukturen und Sonntagsschulen helfen. Dafür brauchen wir Bücher und die Mittel, um Bustransporte zu organisieren. Und um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten, benötigen wir Geld. Interview: Jürgen Dittrich


Erzbischof Avak Asadourian, 68

Der Theologe Avak Asadourian ist armenisch-orthodoxer Erzbischof von Bagdad und vertritt damit die armenisch-apostolischen Christen im gesamten Irak. Zugleich ist er zum Vorsitzenden des «Rates der christlichen Führer im Irak» gewählt worden. Das Gremium wurde im Februar dieses Jahres gegründet und besteht aus den Vertretern vierzehn unterschiedlicher christlicher Kirchen. Der Rat gilt aufgrund der hohen Zahl von Mitgliedskirchen als eines der offiziellen Sprachrohre der Christen im Irak.