| Erstellt: 30.07.2010 | |
Kurz vorher auf den Bahnhof gerannt, in den Zug gehechtet, den Supermarkt durchquert und die Einkaufstasche nach Hause geschleppt. Jetzt versuche ich, mich draussen im Garten auf einen einzigen Schritt zu konzentrieren. Beim Einatmen sanft den Fuss vom Boden heben, beim Ausatmen wieder hinstellen. Es ist zum Davonrennen. Die innere Hektik hat mich voll im Griff, lässt mich Fluchtpläne schmieden, Vergangenheit bewältigen und Zukunft sortieren. Schwankend setze ich den nächsten Fuss ab. Bei diesem Tempo das Gleichgewicht zu halten, ist gar nicht so einfach. Warm und strohig ist das Gras unter meinen Füssen. Ich denke an die morgige To-do-Liste. Die Vögel singen Abendlieder. Den Meier hätte ich auch noch anrufen sollen. Unter mir ist duftende Erde. Allmählich finde ich meinen Rhythmus. Irgendwann kehrt innere Ruhe ein. Mir ist, als könnte ich ewig so weitergehen.
Staunen. «Gehen ist für mich Beziehungsarbeit», sagt der Theologe Peter Wild. «Ich komme mit meinen Füssen in Berührung und über sie in einen Dialog mit der Erde.» Die Füsse bringen ihn immer wieder zum Staunen: «Unglaublich, dass so wenige Quadratzentimeter einen ganzen Menschen tragen!» Und Staunen sei, so Wild, der Anfang jeder Spiritualität. Diese ist für den Meditationslehrer «eine Lebenshaltung» und «immer körperlich». Ein «Verkörperter» war Wild schon immer. Mit 26 Jahren, als er überarbeitet und erschöpft nach einem Ausgleich suchte, stieg er mit Yoga ein. Und bildete sich in der Folge in verschiedenen Meditations- und Heiltechniken aus. In seiner Frau Regula – einer Tanz- und Ausdruckstherapeutin – fand er eine Begleiterin. Zusammen leiten sie vom 20. bis 22. August zum Thema «Fuss» einen Kurs in Kappel.
Berühren. Der Fuss fasziniert Peter Wild seit Langem. «Mit diesem hochsensiblen, komplexen Körperteil können wir sehr viel wahrnehmen.» Wer barfuss gehe, spüre die Beschaffenheit des Bodens äusserst differenziert. «Indem wir gehen, machen wir auch immer wieder die Erfahrung, dass uns die Erde trägt.» Und das helfe, sich auch sonst im Leben getragen zu fühlen. Obwohl wir den Fuss täglich beanspruchen, er uns kilometerweit trägt, beachten wir ihn aber kaum. «Er verdient mehr Wertschätzung», betont der Autor des Buches «Wer langsam geht, geht weit». In seinen Kursen regt er dazu an, sich den Füssen liebevoll zuzuwenden – etwa mittels einer Massage. Vielen sei dies jedoch peinlich. «Eine Berührung am Fuss ist etwas sehr Intimes», so Wild. Lerne man aber deren wohltuende Wirkung einmal kennen, wolle man sie nicht mehr missen.
Annehmen. Dass Menschen – inmitten von Fitnessangeboten, Ernährungszwängen und Leistungssport – auf der Suche nach ihrem Körper sind, stellt der Kursleiter immer wieder fest. Gleichzeitig hätten aber viele Angst, sich auf den Körper einzulassen. Denn dieser sei «unbarmherzig», so Wild. «Da kann ich mir im Kopf noch so vormachen, ich sei ‹guet zwäg›: Der Körper zeigt mir, dass ich altere, verspannt bin, Schmerzen habe.» Dies anzunehmen, sei nicht immer einfach, führe aber zu mehr Ehrlichkeit und Authentizität. «Wer die Wahrnehmung für den Körper schult, spürt seine Bedürfnisse besser und lebt intensiver, vielfältiger, lustvoller.»
Gehen. Das eigene Körperbewusstsein erweitert Peter Wild in täglicher Meditation – unter anderem beim Wandern. «Da stimmen sich Geh- und Atemrhythmus aufeinander ab, ich werde ruhig und offen für das, was ist.» Manchmal wünscht er sich beim Gehen, «dass wir Menschen uns unserer Schritte bewusst sind – und Spuren hinterlassen, die nicht von Macht, sondern von Beziehung geprägt sind.» Annegret Ruoff
Der Tipp von Peter Wild
Gehen Sie an einem ruhigen Ort ganz langsam. Rollen Sie beim Einatmen sanft den einen Fuss ab, schieben Sie ihn zwei bis drei Zentimeter nach vorne und setzen SIe ihn beim Ausatmen langsam wieder auf. Fahren Sie mit dem anderen Fuss fort. Gehen Sie während zwanzig Minuten so weiter und nehmen Sie den Kontakt Ihrer Fussohlen zum Boden wahr.
Peter WIld, 64
ist Theologe und arbeitet bei der Fachstelle «Spiritualität und Kultur» der reformierten Landeskirche Zürich. Er leitet Meditations- und Heilseminare. Zusammen mit seiner Frau Regula Wild bietet er vom 20. bis 22. August den Kurs «Der Fuss – Ort der Begegnung» im Kloster Kappel an. www.klosterkappel.ch
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