«Kurt Koch ist kritischer, als behauptet wird»: Gottfried Locher, designierter SEK-Präsident (Bild: Hannes Thalmann)
«Kurt Koch ist kritischer, als behauptet wird»: Gottfried Locher, designierter SEK-Präsident (Bild: Hannes Thalmann)
Erstellt: 30.07.2010
«Koch ist für Rom ein Glücksfall»
Ökumene/ Gottfried Locher, zukünftiger SEK-Präsident, über die Wahl Kurt Kochs zum vatikanischen Ökumeneminister.

Herr Locher, ab 2011 sind Sie Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) – freuen Sie sich über die Wahl von Kurt Koch?
Kurt Koch ist in Rom ein Glücksfall. Er kennt die Reformationskirchen besser als die allermeisten katholischen Bischöfe rund um den Globus. Er weiss um die reformierten Vorbehalte gegenüber dem Vatikan. Das ist eine gute Voraussetzung für einen rücksichtsvollen Dialog. Ich freue mich aber vor allem für ihn selbst: Noch einmal fünfzehn Jahre im Solothurner Bischofspalais hätte ich ihm nicht gewünscht.

Warum nicht?
Das Bistum Basel erstreckt sich über zehn Kantone: zehn Landeskirchen, zehn Mentalitäten, zehn Rechtssysteme, zehn Regierungen – und über eine Million Katholikinnen und Katholiken. Die Leitung eines solchen Bistums ist eine Herkulesaufgabe, hie und da auch eine Sisyphusarbeit. Bischof Koch ist in einem Alter, in dem Piloten oder Bauarbeiter pensioniert werden. Ermüdungserscheinungen in den nächsten Jahren wären unausweichlich. Es ist gut, dass er jetzt woanders gebraucht wird – gut für ihn und gut fürs Bistum.

Kurt Koch wird jetzt sozusagen Roms Ökumeneminister – allerdings unter einem Papst, der die katholische Kirche als einzige Kirche Christi bezeichnet hat.
Damit war dieser Papst nicht anders als alle Päpste vor ihm und vermutlich auch alle Päpste nach ihm. Übrigens hätte Benedikt XVI. auch jemanden berufen können, der sich vor allem in der Orthodoxie auskennt, sodass die Ökumene vor allem mit dem Osten funktioniert hätte. Die Orthodoxen gelten in Rom durchaus als Kirchen, sogar als «Schwesterkirchen». Dass er das gerade nicht getan hat, dass er stattdessen einen Kenner des Protestantismus beruft, rechne ich dem Papst hoch an.

Kurt Koch hat sich vom durchaus kritischen und progressiven Theologen zu einem romtreuen Bischof gewandelt. Warum ist er für das Amt dennoch geeignet?
Kurt Koch ist kritischer, als behauptet wird, allerdings nicht in der Öffentlichkeit. Ein Bischof muss nun mal Konstanz bieten und Brücken bauen – auch Brücken zwischen der Basis und der Zentrale. Im Übrigen ist Koch progressiver als manche Kurienkardinäle, von denen ich weiss. Er wird es nicht einfach haben in Rom, und er wird es sich auch nicht einfach machen. Darum ist er vermutlich der richtige Mann für das hohe Amt.

Welche Hoffnungen setzen Sie in Kurt Koch in Sachen Ökumene, für die Schweiz und international?
Dass er Türen öffnet für das Gespräch mit den Reformationskirchen, dass er neue Wege sucht und eben auch Kompromisse auslotet. Die Ökumene mit den Protestanten ist für die Katholiken schwieriger als diejenige mit den orthodoxen Kirchen. Aber sie ist zugleich wichtiger für Westeuropa, schon rein zahlenmässig. 500 Jahre nach der Reformation ist der katholisch-protestantische Graben immer noch tief. Ich zähle auf den Elan des neuen Ökumeneministers beim Brückenbauen.

Welche Empfehlungen geben Sie Kurt Koch für seine neue Aufgabe mit?
Dass er seinen eigenen Wahlspruch im Bischofswappen nicht vergisst – gerade in Rom: «Christus hat in allem den Vorrang».
Interview: Claudia Blangetti, BAZ