Schwindender Einfluss: Die Kirchen stehen bei Volksabstimmungen oft auf der Verliererseite (Bild: Stefan Maurer)
Schwindender Einfluss: Die Kirchen stehen bei Volksabstimmungen oft auf der Verliererseite (Bild: Stefan Maurer)
Erstellt: 30.07.2010
Unerhörte Kirchen
Politik/ Eine Studie zeigt: Kirchen treten vor Abstimmungen selbst-bewusst, aber mit wenig Erfolg auf.

Als die Minarettinitiative im vergangenen November deutlich angenommen wurde, standen auch die Landeskirchen als Verliererinnen da: Die Schweizer Bischofskonferenz und der Schweizerische Evangelische Kirchenbund hatten sich dezidiert gegen ein Verbot ausgesprochen – aber die Mitglieder waren ihnen nicht gefolgt. Sowohl protestantische als auch katholische Christen und Christinnen votierten laut Vox-Analyse zu rund sechzig Prozent für ein Minarettverbot.

Entfremdung.
«Die Kirchen haben nicht mehr die Macht, das Abstimmungsverhalten ihrer Mitgliedschaft zu beeinflussen», sagt Judith Könemann. Sie hat die Rolle der Religionsgemeinschaften bei Volksabstimmungen zwischen 1977 und 2006 untersucht – im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 über Veränderungen in der religiösen Landschaft Schweiz (vgl. Box). Die Kluft zwischen den Positionen der Kirchenleitungen und jenen der Kirchenbasis gehe bei einigen Themen immer weiter auf. Das Ergebnis der Minarettabstimmung habe eine lange Vorgeschichte «im Zeichen zunehmender Individualisierung und Autonomisierung», so Judith Könemann, bis 2009 Leiterin des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen, heute Professorin für praktische Theologie an der Universität Münster (D).

Pluralisierung. Könemann und ihr Forschungsteam haben fünfzehn Volksabstimmungsvorlagen aus den drei Jahrzehnten untersucht, und zwar zu drei Themenkomplexen: Abtreibung und Stammzellenforschung, Ausländer- und Asyldebatten und Verhältnis Religion und Staat. Auseinandergelebt haben sich Kirchenleitung und Kirchenbasis auf katholischer Seite sowohl in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs als auch der Asyl- und Ausländergesetzgebung – auf reformierter vor allem in der Ausländerthematik. Könemanns Fazit: «Die Kirchen stehen vor der Frage, inwieweit sie in diesen Themen noch repräsentativ sind für ihre Mitgliedschaft.» Weil aber das Christentum «kein monolithischer Block» sei, existierten innerhalb der Konfessionen unterschiedliche Positionen. Folge davon: «Die politischen Akteure und die Medien werden eventuell die innerkonfessionelle Pluralität stärker wahrnehmen – und vermehrt die Vielfalt kirchlicher Stimmen berücksichtigen.»

Legitimierung. Trotz Auseinanderleben von Basis und Leitung: Die Kirchen treten weiterhin selbstbewusst auf. In Abstimmungskämpfen sind sie heute genauso präsent wie in den Siebzigerjahren. «Die Kirchen sehen sich nach wie vor als wichtige soziale Player, die dem Staat Legitimationsgrundlagen zur Verfügung stellen wollen», sagt Judith Könemann. Bis dato scheint der Staat dies auch zu honorieren: Zu jedem vierten Vernehmlassungsverfahren zwischen 2006 und 2009 wurden auch Re- ligionsgemeinschaften eingeladen. Allerdings fast ausschliesslich zu Ausländer-, Familien- und Forschungspolitik, nicht aber zu Arbeits-, Finanz- und Wirtschaftsfragen. Und der Grossteil der Einladungen erging an die katholische und reformierte Landeskirche, nur einzelne an muslimische Verbände. «Bei Vernehmlassungen sollte man der gewachsenen Bedeutung der Muslime Rechnung tragen», rät deshalb Könemann.

Sprachcodierung. Überraschend: Die Kirchen, mit Ausnahme der Freikirchen, benutzen in Abstimmungskämpfen nicht nur das religiöse, sondern in hohem Mass auch das juristische oder sozialpolitische Vokabular. Interessanterweise stützt sich die reformierte Kirche dabei etwas stärker auf religiöse Quellen als die katholische. Letztere verweist gern aufs Naturrecht, das jeder sozialen Norm vorausgehe. Steht aber das Verhältnis zwischen Kirche und Staat zur Debatte, werben die Kirchen in eigener Sache «hochreligiös», so Judith Könemann, und dies im Laufe der untersuchten Jahre von 1977 bis 2006 «zunehmend in etwas rechtfertigendem Ton».
Samuel Geiser

NFP 58: Religion, Staat, Gesellschaft
Die Untersuchung zur Rolle der Kirchen in Abstimmungskämpfen ist eines von insgesamt 28 Projekten des Nationalen Forschungsprogramms NFP 58 über Veränderungen in der Religionslandschaft Schweiz. 2011 wird das Programm abgeschlossen. Untersucht werden unter anderem die Geschlechterrollen in Religionsgemeinschaften, die politische Orientierung der Muslime in der Schweiz und die Finanzen der Landeskirchen.
www.nfp58.ch