Aufsuchende Gassenarbeit: Gassenarbeiterin Isa Calvo auf dem Weg zu Obdachlosen (Bild: Marco Frauchiger)
Aufsuchende Gassenarbeit: Gassenarbeiterin Isa Calvo auf dem Weg zu Obdachlosen (Bild: Marco Frauchiger)
Erstellt: 30.07.2010
Lasset die Junkies zu mir kommen
Gassenarbeit/ Die kirchliche Gassenarbeit Bern ergreift radikal Partei für Randständige. Ob das noch zeitgemäss ist, wird jetzt in einer Evaluation ermittelt.

Donnerstagnachmittag im Breitenrainquartier in Bern. Das Büro der kirchlichen Gassenarbeit hat von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Heute hat sich eine Journalistin des Berner Lokalradios RaBe zu den randständigen Menschen gesellt, die ins einfach eingerichtete Büro in einer ehemaligen Garage gekommen sind. Sie fragt sie, was ihnen die kirchliche Gassenarbeit bedeute. Ein Mann, der von sich sagt, er sei wegen eines Unfalls «in die Sozialmühle» geraten, gibt zu Protokoll: «Ich fühle mich von den Ämtern nicht unterstützt. Hier ist der einzige Ort, an dem ich unkomplizierte Hilfe bekomme.»

Niederschwellig. Die Aussage ist bezeichnend. Die kirchliche Gassenarbeit hilft Menschen persönlich, niederschwellig und unbürokratisch. Was das heisst? Gassenarbeiterin Isa Calvo deutscht aus: «Niemand muss sich ausweisen, wir helfen ihm unabhängig von Herkunft, Alter und Konfession.» Ihre Kollegin, Gassenarbeiterin Ursula Aellen, ergänzt: «So können wir uns wirklich für unsere Klienten einsetzen und auch mal unbequem sein.» Möglich wird dies, weil die kirchliche Gassenarbeit von einem unabhängigen Verein getragen wird (s. Kasten rechts). Ihre Klienten sind Suchtbetroffene und Obdachlose, alleinerziehende Mütter und Sans-Papiers. Das dreiköpfige Team der Gassenarbeit berät sie in allen Lebenslagen, im offenen Büro können sie kostenlos Computer und Internet benutzen. Das Besondere an der kirchlichen Gassenarbeit ist, dass sie die Menschen auch direkt auf der Strasse aufsucht. Die Gassenarbeiter arbeiten dabei immer parteilich und anwaltschaftlich – das heisst, dass sie in jedem Fall für die Menschen auf der Strasse Partei ergreifen.

Traditionell. Seit 22 Jahren schon ist kirchliche Gassenarbeit aktiv. Jetzt soll sie erstmals einer Evaluation unterzogen werden: Die reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern will zusammen mit der katholischen herausfinden, «ob das Angebot noch zeitgemäss» sei, wie Regina Groeneweg, Präsidentin des reformierten Kleinen Kirchenrats, erklärt. Mit einem jährlichen Beitrag von rund 75 000 Franken ist die reformierte Gesamtkirchgemeinde die Hauptgeldgeberin der Gassenarbeit und finanziert zusammen mit den Katholiken 46 Prozent des Betriebsbudgets. Regina Groeneweg betont, die Evaluation der Gassenarbeit durch ein externes Büro bedeute nicht, dass man den Unterstützungsbeitrag nicht mehr zahlen werde. «Nach 22 Jahren möchten wir das Angebot professionell auswerten lassen.» Die Evaluation soll zeigen, welche Wirkung die Gassenarbeit erziele und was Menschen auf der Gasse heute brauchten. Dennoch: Ist die kirchliche Gassenarbeit mit ihrem parteiischen Ansatz für Randständige der Kirche zu unbequem? Groeneweg verneint entschieden: Sie könne sich auch vorstellen, dass man nach der Evaluation zum Schluss komme, der Gassenarbeit mehr Mittel zur Verfügung zu stellen.

Akzeptierend. Der parteiische Ansatz der Gassenarbeit birgt aber durchaus Zündstoff. Er bedeutet nämlich auch, dass die Gassenarbeit – anders als staatliche Stellen – ausdrücklich nicht das Ziel hat, ihre Klienten in sogenannt gesunde Strukturen zu überführen. Im Jahresbericht 2009 schreibt Vorstandsmitglied Viktor Gorgé: «Das Helferteam nimmt die Ausgestossenen, Gescheiterten und Entmutigten ernst und will sie nicht mit irgendwelchen Massnahmen zur Resozialisierung beglücken.» Dahinter stehe die Überzeugung, dass sich ein Mensch nur dann verändern könne, wenn der Impuls zur Veränderung aus ihm selbst heraus komme, erklärt Gassenarbeiter Walo Wenger. «Wenn jemand in einem Zelt wohnen will, bewege ich ihn nicht dazu, in eine Wohnung zu ziehen, auch wenn die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft in Wohnungen wohnt. Ich helfe ihm, im Zelt zu überleben.» Das Team arbeitet darum auch nicht abstinenzorientiert. Will heissen: Es erwartet von Hilfesuchenden nicht, dass sie ihren Drogen- oder Alkoholkonsum aufgeben. Im offenen Büro darf allerdings weder das eine noch das andere konsumiert werden. Die Gassenarbeiter verteilen im Sinn einer «Schadensminderung» saubere Spritzen und Kondome und leisten notfalls Überlebenshilfe. Sobald ein Klient etwas an seiner Situation ändern möchte, berät das Team ihn, begleitet ihn auf Ämter oder zum Arzt und leitet ihn an entsprechende Stellen weiter.

Jesuanisch. Für die Vereinspräsidentin der kirchlichen Gassenarbeit, die Roggwiler Pfarrerin Sandra Kunz, ist deren Ansatz «urevangelisch»: «Jesus half ausgestossenen Menschen, ohne zu verlangen, dass sie sich ändern, und ohne sie unter Druck zu setzen.» Sie ist deshalb überzeugt, dass die kirchliche Gassenarbeit richtig handelt und in der Stadt Bern eine Lücke füllt. «Hier finden Menschen Aufnahme, die durch alle sozialen Maschen gefallen sind.» Demgegenüber hat die Passantenhilfe der Heilsarmee, die auch nach christlichem Grundsatz arbeitet, eine etwas andere Ausrichtung. Seev Levy, der die eng mit dem Berner Sozialdienst zusammenarbeitende Beratungsstelle führt, sagt: «Aufgrund meines christlichen Menschenbilds gehe ich davon aus, dass bei jedem Menschen jederzeit Entwicklung möglich ist.» Darum ermutigen er und sein Team die Klienten aktiv, ihre Situation zu verändern und Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

Unterstützend.
Getragen wird die kirchliche Gassenarbeit, die über ein Budget von rund einer Viertelmillion Franken verfügt, von reformierten und katholischen Kirchgemeinden. Ein Blick in die Mitgliederliste zeigt, dass diese den Verein ganz unterschiedlich unterstützen: Neben der Gesamtkirchgemeinde Bern (die aus den dreizehn städtischen Kirchgemeinden besteht) zahlen 25 weitere reformierte Gemeinden aus Agglomeration und Region Bern einen Mitgliederbeitrag, je nach Grösse zwischen 336 und 22 563 Franken. Weitere 27 Gemeinden sind zwar nicht Mitglied, unterstützen den Verein aber mit jährlichen Beiträgen. Darunter findet man erstaunlicherweise auch stadtferne Gemeinden wie Saanen-Gstaad. Pfarrer Robert Schneiter begründet: «Wir wollen uns der Verantwortung nicht entziehen. Es gibt auch Junge aus dem Saanental, die in die Stadt ziehen und dort in die Drogen geraten.»
Davon, dass es die kirchliche Gassenarbeit unbedingt braucht, sind auch die drei Angestellten überzeugt. Sie haben beobachtet, dass das Klima auf der Gasse repressiver geworden sei – «insbesondere durch den umstrittenen Wegweisungsartikel». Isa Calvo: «Die Lebensbedingungen der Menschen sind härter und die gesundheitlichen Verhältnisse schlechter geworden.» Darum sei ein so niederschwelliges Angebot wichtig, in dem Menschen akzeptiert würden, wie sie sind. Eine Klientin im Büro der Gassenarbeit drückt es so aus: «Es fägt mit der kirchlichen Gassenarbeit. Hier kann man von Freund zu Freund reden, das gibt extremen emotionalen Halt.» Sabine Schüpbach

Solidaritätsfest in Bern
Am 26. August lädt der Verein Kirchliche Gassenarbeit zu einem Solidaritätsfest ein. Zum Einstieg liest der Autor Matto Kämpf, danach folgen Konzerte von Berner Bands. Zum Ausklang gibts Disco mit DJ Vasek Tomy. Der Erlös des Anlasses geht vollumfänglich in den Unterstützungsgonds für die Klienten der Gassenarbeit.

26. August (ab 20 Uhr) in der Reitschule Bern Eintritt: Fr. 10.–/15.–


Menschen direkt aufsuchen
Der Verein Kirchliche Gassenarbeit Bern besteht seit 1988. Getragen wird er von seinen Mitglieds-Kirchgemeinden, darunter die reformierte und die römisch-katholische Gesamtkirchgemeinde Berns, von Kirchgemeinden, die regelmässige Beiträge zahlen, und von privaten Spendern. Das Team mit zwei Gassenarbeiterinnen und einem Gassenarbeiter (160 Stellenprozente) bietet jeweils dienstags (nur für Frauen) und donnerstags (für alle) in seinem Büro im Breitenrainquartier kostenlose Beratungen zu Themen wie Wohnen, Finanzen, Ge- sundheit, Sucht und Recht an. Die kirchliche Gassenarbeit ist die einzige aufsuchende Gassenarbeit in der Stadt Bern: Die Gassen- arbeiterinnen und Gassenarbeiter sind während des grössten Teils ihrer Arbeit unterwegs und suchen ihre Klienten auf der Strasse auf. Das Angebot richtet sich an Menschen, die ihren Lebensmittel- punkt auf der Strasse haben; ein Schwerpunkt liegt bei der Arbeit mit Frauen, die vierteljährlich das Magazin «Mascara» gestalten. Die Gassenarbeit stellt ihre Tätigkeit auch Konfklassen vor. sas
www.gassenarbeit-bern.ch