| Erstellt: 24.06.2010 10:45:43 | |
Herr Caspar, was fasziniert Sie als Onkologe an einer Krankheit, die Menschen in vielen Fällen schwer leiden lässt und oft zum Tod führt?
Mich bewegt die Begegnung mit Menschen, die erschüttert sind. Krebs zu haben, ist für die meisten sehr einschneidend. Sie in dieser Ausnahmesituation begleiten zu dürfen, fordert mich heraus. Und es bereichert mich zugleich. Natürlich: Mich interessiert auch der medizinisch-technische Aspekt. Ich will herausfinden, mit welchen Kniffs und Methoden ich Menschen heilen oder ihr Leid lindern kann.
Wie teilen Sie einem Menschen eine Krebsdiagnose mit?
Aufrichtigkeit ist dabei zentral. Ich sage dem Patienten, was für einen Krebs er hat, ob Heilung möglich ist und wenn ja, wie die Chancen stehen. Weiter besprechen wir alle medizinischen Fragen und menschliche Anliegen, die der Patient hat.
Und wie sagen Sie jemandem, dass er sterben wird?
Möglichst offen und empathisch. In einem solchen Gespräch muss ich Stille aushalten und Nähe zulassen können. Wir sprechen über Medizinisches wie die Schmerztherapie. Ausserdem empfehle ich den
Patienten, ihre Angelegenheiten rechtzeitig zu regeln, Unausgesprochenes anzusprechen – so kann man leichter loslassen. Und ich weise früh darauf hin, dass es im Kantonsspital Baden die Möglichkeit der Sterbebegleitung gibt.
Ist Ihnen Sterbegleitung wichtig?
Ja. Mir ist es ein Anliegen, dass niemand, der das nicht will, alleine sterben muss. Ich sehe immer wieder, wie wichtig es ist, dass Menschen beim Sterben begleitet sind.
Warum?
Ich kann nur sagen: Ich persönlich möchte nicht alleine sterben. Wenn es mir nicht gut geht, will ich nicht alleine sein. Sicher gäbe es Phasen des Rückzugs, aber dann bräuchte ich auch andere Menschen. Doch dies ist eine sehr individuelle Entscheidung.
Warum soll es interessant sein, freiwilliger Sterbegleiter zu werden?
Sterbegleitungen können ungeheuer bereichernd sein. Ich glaube, dass man eine anteilnehmende Offenheit mitbringen soll. Ich habe von meinen Patienten sehr viel geschenkt bekommen und gelernt.
Was zum Beispiel?
Als junger Arzt hat mich ein Mann sehr beschäftigt, der unmittelbar nach seiner Pensionierung eine Krebsdiagnose erhielt. Er und seine Frau hatten praktisch alle Pläne auf die Pensionszeit verschoben und er war zutiefst verzweifelt und verbittert, sterben zu müssen. Das ging mir enorm unter die Haut. Ich habe mir vorgenommen: Auch wenn ich viel arbeite, ich lebe jetzt und nicht erst, wenn ich pensioniert bin.
Wie geht das überhaupt, einen Menschen im Sterben begleiten?
Eine Sterbegleitung kann ich nicht machen. Ich kann nur meine Gegenwart offerieren. Ich muss warten, es geschehen lassen und schauen, was entsteht: Gespräche, Schweigen oder ein Spaziergang, sei das ein äusserliches oder ein innerliches Mitgehen. Wichtig ist, dass ich traurige Situationen aushalten kann und mich nicht lähmen lasse.
Wie schützen Sie sich selbst vor der Trauer und dem Leid, die Sie täglich sehen?
Am besten schützt mich meine Überzeugung, dass ich als Arzt nicht für alles verantwortlich bin. Ich glaube an ein Schicksal oder eine göttliche Fügung, egal, wie man das benennt. Ausserdem muss ich sicher sein, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe und alles in meinen Kräften Stehende für einen Patienten getan habe.
Ist der Krebs Ihr Feind oder glauben Sie, dass Krankheit und Leiden auch sinnvoll sein können?
Da bin ich gespalten. Ich glaube, dass man an Leid wachsen kann. Im Wort «Krise» steckt das Wort «Entscheidung». Unter Umständen ist es möglich, an einer Krise wie einer Krankheit zu wachsen, anstatt darin unterzugehen. Doch als Onkologe sehe ich den Krebs natürlich auch als Bedrohung des gesunden und ganzen Menschen. Ich will die Krankheit behandeln und sie mit den gesunden Ressourcen des Patienten überwinden. Ein ganz klarer Feind dagegen ist für mich der körperliche Schmerz …
… den bekämpfen Sie?
Ich setze kompromisslos alles ein, um ihn zu lindern. Körperlicher Schmerz ist immer zerstörerisch und er hat unzählige Nebenwirkungen: Er macht depressiv, nimmt die Lebensfreude und den Appetit. Er kann sich auch verselbstständigen: Aus der Schmerzforschung weiss man, dass Schmerz Schmerz generiert. Mit einer konsequenten Schmerzbehandlung kann man das verhindern.
Viele Menschen fürchten sich vor unerträglichen Schmerzen beim Sterben. Berechtigterweise?
Ich sage nicht, dass Krankheit und Sterben nicht weh tun. Weder körperlich noch seelisch lässt sich das ganz ausschalten. Ich bin aber überzeugt, dass man den Schmerz in den allermeisten Fällen mit einer guten Schmerztherapie auf ein erträgliches Niveau einschränken kann.
Die Angst vor den Schmerzen lässt einige Menschen an Freitod denken.
Ich habe sehr viel Respekt vor solchen Überlegungen. Als Arzt sichere ich den Patienten zu, dass wir den Schmerz kontrollieren. Wenn jemand dies will, verabreichen wir die letzten Tage vor dem Tod so viel Schmerzmedikation, dass man diese Tage verschläft.
Ist ein Leben unter Schmerzmitteln noch lebenswert? Es wird oft gesagt, dass man nur noch im Morphiumnebel dahindämmert.
Das ist eine Verteufelung von Morphium, die nicht der Realität entspricht. Wenn wir jemanden vor dem Tod «einschlafen» lassen, verwenden wir andere Medikamente. Die meisten Patienten der Onkologieabteilung, die sterben, sterben zu Hause. Sie können mit einer sorgfältig abgestimmten Schmerztherapie bis zum Schluss ein relativ gutes Leben führen. Ich habe Patienten mit Morphiummedikation, die gehen zur Arbeit. Die treffen Sie im Bus und sehen ihnen nichts an.
Wie sehen Sie als Arzt den Tod? Gehts danach weiter?
Darauf hat die Medizin praktisch keine Antworten, obwohl es Persönlichkeiten mit medizinischem Hintergrund gab, die sich intensiv mit dem «Danach» befasst haben. Allen voran die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Doch bei dieser Frage bewegen wir uns im Bereich des persönlichen Glaubens.
Was glauben Sie?
Was nach dem Tod kommt, weiss ich nicht, denn ich war noch nie dort. Die Frage bedrängt mich auch nicht. Persönlich glaube ich an einen liebenden Gott. Ich habe Menschen in schwierigen Umständen gut sterben gesehen und das gibt mir die Hoffnung, dass ich auch gut werde gehen können, wenn es so weit ist. Interview: Sabine Schüpbach
- CLEMENS CASPAR, 52
Ist Leitender Arzt der Onkologie am Kantonsspital Baden und engagiert sich dort in einem Ausbildungs-
kurs für freiwillige Sterbebegleiterinnen und -begleiter (s. Kasten unten rechts). Das Kantonsspital verfügt über
ein Netz von solchen Freiwilligen, mit denen die Ärzte, Pflegenden und Seelsorger zusammenarbeiten. Caspar ist verheiratet
und hat zwei Kinder.
- AUSBILDUNG ZU STERBEBEGLEITUNG
Die Fähigkeiten für Sterbegleitungen kann man sich erwerben. Am Kantonsspital Baden findet ein ökumenischer Sterbegleitungskurs
statt (12. 8., 19. 8., 21. 8., 26. 8., 6. 9., 9. 9.). Anmeldung: alice.liniger@ref-aargau.ch
Die kantonale Weiterbildung der Reformierten Landeskirche in Sterbebegleitung umfasst Grundkurs (28. 8. oder 18. 9.)
und Aufbaukurs (29. 9., 27. 10., 24. 11.). Anmeldung: karin.tschanz@ref-aargau.ch
Infos: www.ref-aargau.ch









