| Erstellt: 25.06.2010 | |
Heinz Rüegger, Sie haben massgeblich an der von den Schweizer Alters- und Pflegeorganisation herausgegebenen Charta zum würdigen Umgang mit älteren Menschen mitgearbeitet. Ein gewichtiger Aufruf. Steht es denn so ernst?
Unser Umgang mit dem Alter droht in eine gefährliche Schieflage zu geraten. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte stehen wir am Punkt, wo der alte mythische Traum vom langen Leben Realität wird. Gleichzeitig wird das Alter in unserer Gesellschaft zum Tabuthema gemacht. Alter ist nicht sexy, Anti-Aging entwickelt sich zum gigantischen Wachstumsmarkt. Alle wollen zwar lange leben, aber nicht alt sein.
Was läuft schief?
Wenn das Alter in der Öffentlichkeit zur Sprache kommt, dann meist mit Blick auf Defizite, auf Beschränkungen, die es mit sich bringt, auf den Kostendruck im Gesundheits- und Sozialversicherungswesen. Wir haben diese Situation selber geschaffen, die Forschung arbeitet mit Milliardensummen daran, dass Menschen ein hohes Alter erreichen. Die Charta will ein Weckruf sein. Eine «terra incognita», ein nicht kartografiertes Land, liegt vor uns. Wir müssen jetzt die Schwerpunkte setzen, um für die Expedition dorthin gerüstet zu sein.
Welche Folgen hat die gegenwärtige Entwicklung für die Menschenwürde?
Jeder Mensch hat die selbe, unverlierbare Würde, egal, ob er ein Nobelpreisträger oder ein Demenzpatient ist. Nun macht sich aber in der Politik, in der Philosophie, ja sogar unter Fachleuten der Gerontologie eine Tendenz breit, die unterschiebt, dass der Mensch mit dem Verlust von Gesundheit, Selbstständigkeit oder kognitiven Fähigkeiten auch seine Würde verliert. Das wird häufig als Argument für die Sterbehilfe verwendet und gipfelt im neuen Konzept des «sozialverträglichen Frühablebens». Es gilt abzutreten, solange man noch alle Tassen im Schrank hat und niemandem zur Last fällt. Freiwilliges Sterben wird zum letzten selbstbewusst inszenierten Akt von gesellschaftlicher Verantwortung. Unter einem solchen Blickwinkel sind nur die Gescheiten, Fitten, Wellnessgestylten vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, und das führt letztlich zum Verlust der Humanität.
Wirkt sich das auch im Pflegebereich aus?
Wenn wir alten, kranken Menschen ihre Würde absprechen, kann dies auch den würdigen Umgang mit Pflegepatientinnen und Altersheimbewohnern gefährden. In dem Sinn ist die Charta durchaus als Selbstverpflichtung der daran beteiligten Organisationen zu verstehen.
Und wer soll nun die steigenden Gesundheitskosten und unsere Altersvorsorge finanzieren?
Da müssen wir tragfähige, für alle kompatible Lösungen erarbeiten. Es gilt auch, die Vorstellung zu korrigieren, die berufstätige Generation hätte die ganze Last allein zu tragen. Heute findet ein grosser Transfer statt von den älteren Menschen, die jetzt pensioniert und wirtschaftlich relativ gut abgesichert sind, zu den jüngeren. In Form von Geld, aber auch in Form von Dienstleistungen, etwa der Betreuung der Grosskinder.
Sie sehen im Alter auch eine Chance zur persönlichen Weiterentwicklung.
Es hat noch keine Generation von Pensionierten gegeben, die so gut ausgebildet ist wie die heutige, so gesund und leistungsfähig bis ins hohe Alter. Ihr Potenzial gilt es in die Gestaltung der Zukunft mit einzubeziehen. Demenz zum Beispiel wird stark zunehmen. Nicht, weil die Menschen heute kränker wären, sondern weil sie so viel älter werden. Die Betreuungsaufgaben, die auf uns zukommen, werden wir nur mit einem verstärkten zivilgesellschaftlichen Engagement bewältigen können. Es braucht Leute, die sich im Quartier, in Freiwilligenorganisationen oder zu Hause für die Hochbetagten einsetzen. Dabei müssen sie jede erdenkliche Art von professioneller Unterstützung und Entlastung erhalten.
Was können die Kirchen beitragen?
Die Kirche hat Erfahrung in der Altersarbeit. Doch ist der Aufbruch der modernen Gerontologie als interdisziplinäre Alternswissenschaft an ihr vorbeigegangen. Sie hat es verpasst, an Fragen zu arbeiten wie: Was bedeutet es diakonisch, spirituell, liturgisch, dass wir Menschen immer älter werden? Man hat sich zu lange auf reine Betreuungsarbeit beschränkt. Im Blick auf die Herausforderungen des ganz hohen Alters wäre eine «Kultur der Zärtlichkeit im Umgang mit dem Verletzlichen in uns» – wie es Judith Giovanelli-Blocher formuliert – zu entwickeln. Das ist ein zentrales diakonisches Anliegen. Interview: Christa Amstutz
Heinz Rüegger
Der 56-jährige promovierte Theologe ist bei der Stiftung Diakoniewerk Neumünster, Zollikerberg, verantwortlich für die Fachbereiche Theologie, angewandte Ethik und Gerontologie sowie als Seelsorger im zum Werk gehörenden Wohn- und Pflegeheim Magnolia tätig. Er hat verschiedene Bücher verfasst, u. a.: Herausforderung Alter(n). Gerontologisch- ethische Perspektiven, Zürich 2009.









