| Erstellt: 25.06.2010 | |
Gratulation zur Wahl, Herr Locher. Allerdings hätten die kleinen Kantonalkirchen lieber nicht einen Vertreter der grössten Kirche an der SEK-Spitze gehabt. Wie wollen Sie sie überzeugen, dass Sie ein Anwalt auch der Minderheitenkirchen sind?
Ich will ihnen zeigen, dass mir die Rolle der kleinen Kirche aus eigener Erfahrung bekannt und dass mir ihre Schwierigkeiten vertraut sind. Zudem: Ich eigne mich nicht als Vertreter eines Berner Machtanspruchs – das war Wahlkampfrhetorik.
Die reformierte Kirche ist in einer schwierigen Situation. Eine Studie besagt, dass sie weiter an Mitgliedern und Bedeutung verliert, dass sie kleiner, älter, ärmer wird.
Da bin ich vorsichtig. Prognosen können eintreten oder auch nicht. Die Berner wussten 1520 auch nicht, dass sie 1530 reformiert sind. Entscheidend ist nicht, wie viele wir sind, sondern wie glaubwürdig wir sind. Aber klar: Es gibt Handlungsbedarf. Der demografische Wandel ist eine Tatsache.
Sie wollen die Reformierten klarer positionieren.
Es muss erkennbar sein, dass die Reformierten zwischen dem Genfersee und dem Appenzell eine gemeinsame Identität haben. Dazu gibt es Instrumente: das Bekenntnis, die Elemente in der Liturgie, eine gemeinsame Kommunikation.
Und diese gemeinsame Identität wollen Sie «top down», von oben nach unten einführen?
Eine der grössten Stärken der Reformierten ist die Basisdemokratie. Es geht nicht, oben zu befehlen, damit die Basis dann ausführt. Die Kantonalkirchen müssen schon aus freiem Willen in eine solche Identität einklinken.
Sie wollen als SEK-Präsident nicht primär international, sondern in der Schweiz tätig sein.
Ja, weil für mich die Intensivierung der Beziehung zwischen den Kantonalkirchen und dem Evangelischen Kirchenbund im Vordergrund steht: Wir müssen uns überlegen, wie wir national über protestantische Grundsatzfragen nachdenken können.
Sie wollen den SEK stärken – und schlagen auch gleich einen neuen Namen vor: «Evangelische Kirche in der Schweiz». Warum?
Wir müssen das reformierte Profil schärfen, sonst werden wir nicht wahrgenommen. Wir brauchen Themen und Personen, die das Evangelium glaubwürdig in der Mediengesellschaft vertreten. Die ehemalige hannoversche Landesbischö- fin Margot Kässmann ist für mich ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Wir Reformierten haben eine wichtige Rolle gespielt in der Entwicklung zur modernen Schweiz. Das wollen wir auch weiterhin tun. Wir haben eine Zeugnisaufgabe in der Gesellschaft, sind Briefträger des Evangeliums. In der Umweltpolitik müssen wir sagen, dass diese Welt nicht uns gehört, sondern ein Geschenk ist. Bei der Sinnfrage müssen wir sagen, dass weder die Arbeit noch die Freizeit alles ist. Das Leben verweist noch auf eine andere Realität.
Sie unterhalten gute Beziehungen zu katholischen Würdenträgern. Kommt dank Ihnen nun das ökumenische Tauwetter?
Nein. Was aber stimmt: Ökumene lebt von Freundschaften. Kleine Schritte werden dadurch möglich. Grössere Schritte können aber nicht allein in der Schweiz gemacht werden, dazu braucht es die Unterstützung der Weltkirche. In der Frage der Zulassung zum Priesteramt oder dem Abendmahlsverständnis gibt es keine Bewegung. Spielraum sehe ich bei der eucharistischen Gastfreundschaft: Hier will ich meine Erfahrungen aus dem Institut für ökumenische Studien einbringen.
Wenn man Ihren Namen googelt, erhält man erstaunlich viele Treffer auf evangelikal angehauchten Webseiten. Wer sind Sie eigentlich?
Ich versuche, meine Position in anderen Traditionen glaubwürdig zu vertreten. Das gehört zu meiner Frömmigkeit. Ich glaube an Jesus Christus und stehe für das Evangelium ein. Und es ist klar: Die reformierte Tradition vertritt eine Facette der Wahrheit, die Wahrheit selber ist symphonisch.
Vor Jahren setzten Sie einmal die Idee für ein reformiertes Bischofsamt in die Welt. Wie stehen Sie zu Hierarchien?
Mich hat die Hierarchie nie interessiert, mich interessiert die Einheit. Wir brauchen auch im Protestantismus Strukturen, die aber – im Gegensatz zum römischen Modell – von der Basis bestimmt werden. Klar ist: Ich werde in der Rolle als SEK-Präsident vorsichtiger kommunizieren. Ich werde wohl mehr schweigen müssen.
Schweigen Sie auch zur Burka-Debatte?
Dazu sollten wir uns ökumenisch äussern. Wir brauchen eine Versachlichung der Debatte, und wir müssen auch zeigen, dass es Grenzen des interreligiösen Dialogs und der interkulturellen Übereinstimmung gibt. Die Burka passt nicht in unser Wertesystem. Das heisst aber nicht, dass man sie verbieten soll. Anders gesagt: Ich bin gegen die Burka. Aber ich bin auch gegen ein Verbot der Burka. Interview: Daniel Klingenberg
Die Wahl
Gottfried W. Locher setzte sich an der Abgeordnetenversammlung des Evangelischen Kirchenbunds (SEK) im zweiten Wahlgang gegen den Luzerner Syno- dalratspräsidenten David Weiss mit 38 : 31 Stimmen durch, nachdem sich Didier Halter, Sion, bereits zurückgezogen hatte. Locher, Leiter des Instituts für Ökumenische Studien an der Uni Freiburg, tritt sein Amt 2011 an. Dem SEK gehören 26 Kirchen mit insgesamt 2,5 Millionen Mitgliedern an. mlk










